Natürlich sind Bedürfnisse sehr wichtig – denn sie sind die Triebfeder all unseren Handelns. In der Kommunikation mit Anderen sollte man nicht auf sie verzichten.

In der Selbstempathie werden sie jedoch überbewertet: sich zu sehr auf Bedürfnisse zu konzentrieren kann den Weg zur Heilung erschweren, denn man kann leicht in die Falle tappen, aus dem Bedürfnis einen Anspruch auf dessen Erfüllung ableiten zu wollen.
Es ist sinnvoller, das Gefühl (meist: den Schmerz) vollständig zu fühlen.

Wie komme ich darauf? Das reine Bewusstsein hat keine Bedürfnisse. Es ist eins mit der Quelle. Und dort ist alles vollständig.

Nur eine Persönlichkeit kann Bedürfnisse haben. Und jeder Mensch hat nicht nur eine Persönlichkeit, sondern viele verschiedene. Sie stellen sich dar als inneres Kind, als rebellischer Jugendlicher, als harter Geschäftsmann, als Mutter, als Vater, als Geliebte usw. Jeder Anteil kommt und geht und verändert sich. Und jeder Anteil hat eine eigene Bedürfnishierarchie.

Da ist kein festes ICH, auch wenn es sich so anfühlt. Das ICH hat zu existieren begonnen, als wir einen Namen erhalten haben. Der Name ist wie ein Behälter, in dem sich alle Gedanken, Glaubensmuster, Konzepte und Gefühle angesammelt haben, mit denen wir uns am meisten identifizieren. Und dieser Behälter hat unterschiedliche Fächer – die Teilpersönlichkeiten.

Wenn wir uns in jemanden einfühlen, haben wir immer “nur” eine Teilpersönlichkeit vor uns.

Meist ist es das verletzte innere Kind:
Das Kind ist z.B. einsam und allein. Es denkt, es werde nicht geliebt, es sei nicht richtig. Der Schmerz ist körperlich spürbar.
In dieser Situation hilft es, den Schmerz vollständig zu fühlen. Und zwar so lange, bis man sozusagen am Boden des Gefühls angekommen ist. Man kann sagen, dort ist ein Schalter – und der klappt sich automatisch um, wenn das Gefühl vollständig ist.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Bedürfnis dabei keine große Rolle spielt. Den Schmerz zu fühlen bringt einen weiter, als herauszufinden, dass das Kind Liebe und Zugehörigkeit gebraucht hätte.

Und die Lösung liegt auch darin, den Glaubenssatz (z.B. “Ich bin nicht richtig”) vollständig anzunehmen: was wäre, wenn er wahr wäre? Denn etwas in einem denkt ja sowieso, er sei wahr. Lieber endlich dem Tiger ins Maul springen, als immer vor ihm davonlaufen. Das mag sich anfühlen, als müsse man sterben. Man sollte daher nicht alleine sein. Und hinterher ist es leichter.