Neulich lernte ich in einem Zeichenkurs eine junge Frau kennen, die sich nicht liebte. Ich nenne sie mal Jeanette. Sie hatte blonde, lockige Haare und ein wunderbar strahlendes Lächeln. Ich weiß nichts über ihre Herkunft, aber ich weiß, dass sie studiert hat und in einer großen Firma arbeitet.

Mir fiel an ihr auf, dass sie sich für fast alles entschuldigt, was sie tut.  Einmal war sie besonders fröhlich und uns anderen ist das aufgefallen. Wir sprachen sie darauf an, wie sehr sie strahle, und sie erklärte es uns knapp und ENTSCHULDIGTE SICH DAFÜR!!!

Wenn sich jemand ständig schlecht macht oder für sein Verhalten entschuldigt, haut er damit jedes Mal seiner inneren Göttlichkeit in die Fresse. Ja, er verdrischt sie regelrecht. Das tut nicht nur der Göttlichkeit weh, sondern auch denen, die es mitbekommen. Zum Beispiel mir. Ich kann es kaum ertragen, wenn jemand sich selbst geißelt.

Und eigentlich braucht Jeanette Liebe und Wertschätzung – aber sie kann sie nicht nehmen. Wenn jemand ihr sagte, ihm gefalle ihr Bild, dann konnte sie dies nicht annehmen. Entweder glaubte sie es nicht, oder es fiel an ihr vorbei, ich weiß es nicht. Sie wollte nicht darüber reden. Negative Kritik, z.B. von der Zeichenlehrerin konnte sie hingegen durchaus hören.

Wenn man sich selbst nicht liebt, nützt es einem nichts, wenn Andere es tun.

Ist das nicht traurig? Egal, wie sehr man von Anderen geschätzt oder geliebt wird, man hat nichts davon, wenn man sich nicht selbst liebt. Man ist entweder ein Fass ohne Boden oder ein ganz dicht verschlossenes Fass, das niemand öffnen kann. Der Griff ist innen. Man muss es selbst öffnen. Aber dafür muss man sich zunächst lieben. Wenigstens ein bisschen. Denn entweder muss man ständig von Anderen hören, was sie an einem mögen und wird nie satt, oder – wie im Fall von Jeannette – man hört es nicht mal, wenn sie es sagen. Das ist so, als habe ich Hunger, jemand gibt mir ein Stück eingeschweißtes Brot, und ich kann die Verpackung nicht öffnen, oder ich sehe nicht mal, dass es ein Brot ist.

Wenn man sich liebt, kann man sich gar nicht vorstellen, wie es ist, sich nicht zu lieben. Und umgekehrt.

Es ist eine Frage der Wahrnehmung: Wenn man es gewöhnt ist, sich (einigermaßen) zu lieben, kann man sich nicht vorstellen, wie die Welt vor jemandem auftaucht, der sich nicht liebt. Und umgekehrt gilt das auch. Denn man nimmt immer nur die Informationen auf, die zu dem passen, was das eigene Gehirn sowieso schon weiß. Wenn das Gehirn durch Erfahrungen, die immer einen kognitiven und einen emotionalen Bestandteil enthielten, gelernt hat, dass der zugehörige Mensch nicht liebenswert ist, haben es Reize, die nicht zu den neuronalen Bahnen passen, ungleich schwerer, erkannt und integriert zu werden: Wenn einen also jemand lobt oder etwas Positives sagt, weiß man nicht, wohin damit.

Gewaltfreie Kommunikation hilft dabei, sich selbst lieben zu lernen.

Nachdem ich mehrere Jahre mit mäßigem Erfolg eine Psychotherapie gemacht hatte, half mir erst die Gewaltfreie Kommunikation (GFK), zunächst überhaupt meine Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen. Da man in der GFK auch lernt, behutsamer mit sich zu sprechen, veränderte sich mein innerer Dialog – aber sehr langsam. Denn die in der Amygdala abgespeicherten Programmierungen aus vielen Jahren lassen sich mit einer läppischen Verstandes-Absicht aus dem Neocortex nicht mal eben schnell lösen. Denn auch fürs Gehirn gilt: Wege entstehen nur dadurch, dass man sie immer wieder geht. Wenn ich also ein Gehirn habe, das noch nie Selbstliebe generiert hat, muss es das erst lernen wie Klavierspielen.

Der Rest ist Gnade.

Einen richtigen Durchbruch hatte ich in einem spirituellen Retreat in Indien. Durch ständige Energieübertragungen, Meditationen, Yoga-Übungen und Unterweisungen erkannte ich plötzlich (und zwar nicht im Kopf, sondern quasi in jeder Zelle!), dass der einzige Mensch, um dessen Liebe ich mich kümmern muss, ich selbst bin – und dann kommen die Anderen obendrauf.

Ich erkannte weiter, dass die Anderen in mir sich selbst sehen (umgekehrt natürlich auch) oder jemanden, an den ich sie erinnere: Da war ein Teilnehmer aus Taiwan, der eine der Dozentinnen nicht mochte, weil sie ihn an seine Schwester erinnerte, die er nicht leiden konnte. Ich hingegen mochte diese Dozentin, denn sie erinnerte mich an niemanden, und den Teilnehmer mochte ich auch. Dies half mir, von außen, also als Unbeteiligte zu erkennen, dass es nichts mit der Person zu tun hat, die man nicht mag, sondern nur mit einem selbst. Ob ich jemanden mag, hängt von meinem Bewusstseinszustand ab.

Beispiel: Ich mochte mal einen Mann (rein freundschaftlich) und fand ihn richtig weit entwickelt, aber nach einer Weile, als ich mich selbst weiter entwickelt hatte, stellte ich immer mehr fest, dass sein weit entwickeltes Verhalten etwas aufgesetzt war. Ich habe schon seit längerem keinen Kontakt mehr zu ihm, aber es könnte sein, dass ich ihn, wenn ich mich noch mehr weiterentwickelt habe, ihn wieder nett finde, obwohl er sich vielleicht immer noch aufgesetzt verhält.

Anderes Beispiel: Mehrere Jahre konnte ich einen bestimmten Kurs nicht machen, weil ich die Referentin so unsympathisch fand. Zwei Jahre später hatte ich mich scheinbar so weit geändert (und sie vielleicht auch?), dass ich sie zwar immer noch nicht warmherzig und süß fand, aber ich hatte zumindest keine Ladung mehr auf ihr und konnte den Kurs besuchen.

Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Wir sehen sie, wie wir sind.

Jeder sieht etwas anderes in anderen Menschen, und fast immer sagt das, was ich sehe, mehr über mich als über die andere Person. Die Anderen sind also ein guter Indikator für meine eigene Selbstliebe: Wenn mich etwas an einer Person nervt, ist dies ein Teil in mir, den ich nach außen projiziert habe. Denn je mehr ich mich liebe, desto weniger nervt mich an Anderen. Aber umgekehrt ist der Satz noch wichtiger: Je mehr mich an Anderen nervt, desto weniger liebe ich mich selbst. Und da darf ich mir sehr an die eigene Nase fassen, denn mich nervt noch eine ganze Menge an Anderen.

Das beste Beispiel für einen Menschen, der sich selbst vollkommen liebt, ist (wieder mal) mein Freund Markus Schneider. Ich habe ihn mal gefragt, ob er nicht auch solche Gedanken hat wie „Der sieht aber blöd aus“ oder „Boah, ist die fett“. Er verneinte. Ich glaubte ihm erst nicht, aber er blieb dabei. Er mag jeden – manche mehr, manche weniger, aber niemanden gar nicht. Denn er hat alles, was er an Anderen sieht, in sich integriert und angenommen. Damit projiziert er keine Ladung mehr nach außen und bietet so scheinbar auch keine Angriffsfläche für Ladungen anderer Menschen.

Und die Folge ist, dass er von allen Menschen gemocht oder zumindest nicht abgelehnt wird (ok, ich kenne auch eine Ausnahme), und wenn doch mal, dann ist ihm das total egal. Er hat so wenig Widerstand gegen alle Menschen, die ihm begegnen, dass er auch im Außen keinen Widerstand mehr erzeugt. (Interessant ist, dass die Menschen, die ihn toll finden, sich untereinander keineswegs alle toll finden!)

An ihm kann ich sehen, dass ich noch ein bisschen was zu tun habe. Denn in mir lästert es durchaus noch oft. Aber seit ich weiß, dass alles, was ich an mir sehe, ein Teil von mir ist, zügele mich viel mehr. Denn ich will ja nicht über mich selbst lästern. 😉

By | 2013-11-07T13:57:14+00:00 November 7th, 2013|Kommunikation / Wahrnehmung, Spiritualität|7 Comments

7 Comments

  1. Michaela Jerusalem 7. November 2013 at 21:00 - Reply

    Hallo liebe Michaela,
    habe gerade deinen Artikel gelesen, ist ein tolles Thema und deine GEdanken haben mich auch wieder einmal zum nachdenken über mich angeregt. Eigentlich ist es doch ganz einfach mit den Bewertungen an anderen aufzuhören, vor allem wenn man genau weiss, was wirklich dahinter steckt. Ich arbeite auch schon lange an diesem Thema. Danke für die klaren Worte.
    Herzlich

    Michaela

  2. Thomas K. 11. November 2013 at 13:19 - Reply

    Vielen Dank für diesen Artikel!

    Er ist wunderbar inspirierend und unterhaltsam.

    Liebe Grüße
    Thomas

  3. David 11. November 2013 at 16:14 - Reply

    Toller Artikel. Danke!
    Ich gebe gerne die Flugzeug-Metapher:
    Wenn es im Flugzeug zu einem Druckverlust kommt, sollst Du Dich zuerst um Dich kümmern. Denn sonst kannst Du den Anderen keine Hilfe mehr sein.

    • Michaela Albrecht 11. November 2013 at 16:16 - Reply

      Sehr schöner Vergleich! 😀

  4. Elena Gomes 26. Januar 2018 at 0:12 - Reply

    Vielen Dank, der Text ist sehr unterhaltsam und Wahr!

  5. Anna 8. April 2018 at 9:42 - Reply

    Sitze gerade in Thailand in einem Retreat. Mein Thema „Selbstliebe“ ich könnnte perfekt deine Jeannette sein. Nur ich mag (bis auf 2) alle Menschen und finde sie nett. Trotzdem kann ich nicht gut zu mir sein. Nur zu anderen. Aber du hast es absolut auf den Punkt gebracht

    • Michaela Albrecht 8. April 2018 at 15:36 - Reply

      Das gibt es auch – dann bewundert man die anderen und nimmt ihnen gegenüber vielleicht sogar einen Tiefstatus ein. Kenne ich auch, daher fühle ich mit dir. 🙂

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