Heute war Herbstfest in unserer Schule, und wieder einmal ist mir das Herz übergelaufen vor Freude, Zärtlichkeit und Dankbarkeit, dass unsere Kinder in diese  Schule gehen dürfen. Verstärkt wird dies von der Tatsache, dass mein Mann und ich gestern „Alphabet“ im Kino gesehen haben.

Alphabet – zu Beginn des Lebens sind 98% aller Kinder genial, als Erwachsene nur noch 2%.

Die Doku Alphabet hat deutlich gemacht, dass die Schule, wie sie normalerweise vorkommt, die Kreativität in Kindern abtötet, anstatt sie zu fördern. Dies sagten natürlich Gerald Hüther, der Neurobiologe, Arno Stern, der Malspiellehrer aus Frankreich, sein Sohn André Stern, der Gitarrenbauer und Autor, der nie in eine Schule gegangen ist und auch zu Hause nie unterrichtet wurde, aber trotzdem mehrere Sprachen spricht und zahllose Fähigkeiten besitzt. Aber es wurde auch gesagt von Thomas Sattelberger, der früher Manager bei Continental, der Telekom und Lufthansa war. In China, dem Vorreiter bei der PISA-Studie, beneiden die Kinder ihre Eltern, weil diese am Wochenende ausschlafen können, und sie hassen die Schule vom ersten Jahr an. Ich kann nur jedem empfehlen, diesen Film anzuschauen.

Nichtdirektivität fördert das Beste in Kindern.

Unsere Schule* ist nichtdirektiv, d.h. die Kinder werden nicht bewertet in ihrem Tun, sondern nur begleitet. Sie können im Wesentlichen tun, was sie wollen, sofern es nicht gegen Regeln verstößt, die gemeinsam erarbeitet werden. Es handelt sich um eine integrierte Gesamtschule mit angeschlossenem Kindergarten, der „Einstiegsbereich“ genannt wird. Beide Bereiche teilen sich die Küche, die Kinder begegnen sich also dort.

Die Kinder organisieren sich den Tag selbst und können spielen, lernen, Fußball spielen, was auch immer. Es gibt zwar Unterrichtsangebote, aber sie sind offen, d.h. man muss nicht hingehen. Wenn man lieber spielen will, geht das auch.
Da man auf unserer Schule keinen Abschluss machen kann, sind zwei von den Jugendlichen im letzten Sommer abgegangen und besuchen eine gymnasiale Oberstufe, wo sie sich gut zurechtfinden. Eine von beiden kommt mittwochs nachmittags, um ihre Hausaufgaben in unserer Schule zu machen.

Dass unsere (und damit meine ich jetzt alle) Kinder ohne Unterricht im herkömmlichen Sinne viel lernen, zeigt sich z.B. daran, dass sie sehr gerne als Praktikanten genommen werden. Auch Firmen, die sonst Schüler-Praktikanten gegenüber eher vorsichtig sind, nehmen unsere Kinder mit Handkuss, weil diese freiwillig kommen und mitdenken. Klar, es wurde ihnen ja auch nicht abtrainiert.

Die Atmosphäre in dieser Schule (in der ich mittwochs manchmal Jura-Zeit anbiete, an der meist 75% der Sekundar-Schüler freiwillig teilnehmen) ist kooperativ und friedlich, alle gehören dazu, keiner wird gemobbt, und das Aggressionslevel ist sehr niedrig.

Aber es ist auch einfach schön, sie in Interaktion zu erleben. Heute, also am Herbstfest, gab es zum ersten Mal sogar eine professionelle Musikanlage, weil ein Vater eine Band hat (die sogar lokal ziemlich bekannt ist). Alle tanzten zusammen, Eltern, Schulteam, Primar-, Sekundar-  und Einstiegskinder, und keiner hat sich verletzt. Einige kleine Kinder bauten daneben Kapla-Steine. Es war natürlich laut, aber total heiter und fröhlich. Als die Party vorbei war, ergab sich ein eher alberner Kreistanz, aber fast alle, auch die Jugendlichen, machten mit, bückten sich, reckten sich, drehten sich, klatschten und stampften mit dem Fuß. Selbst meinem Mann wäre das zu peinlich gewesen, aber der konnte nicht dabei sein.

Als ich mit meinen Töchtern nach Hause fuhr, waren wir uns einig, dass diese Schule einfach nur wundervoll ist, und dass wir unendlich dankbar sind, dass wir als Familie dort sein können. Und ich bin immer wieder froh, dass wir Eltern vor vier Jahren die Entscheidung zum Wechsel getroffen haben.

Ich liebe sie alle. Sogar die, die ich eigentlich doof finde.

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*) Ja, es ist Absicht, dass ich den Namen nicht nenne. Wer wissen will, um welche Schule es sich handelt, kann mir eine Mail schreiben.