Gestern ist meine Tochter zum zweiten Mal geritten – an der Longe. Erst ging alles gut, aber dann begann das Pferd, schnell zu galoppieren und sie fiel herunter und auf den Rücken. Ich rannte zu ihr und nahm sie in den Arm. Die Reitlehrerin ist ca. 17 und erklärte irgendwas – dass ich es nicht mehr weiß, ist bereits ein Symptom dafür, wie sinnvoll ihre Erklärung in diesem Zeitpunkt war.

Ich war wirklich genervt – da ist das Kind vom Pferd gefallen, hat schlotternde Knie, und alles, was der Reitlehrerin einfällt, sind Erklärungen! Sie fragte, ob Amelie etwas weh tue. Nein, antwortete diese. Ach, das war nur der Schreck, oder? Ja, antwortete Amelie. Sie hatte Sägespäne im Mund und im Pullover und war wackelig.
Aber sie wollte wieder aufsteigen, und ich bewunderte sie für ihren Mut und dachte mir nichts dabei. Ich ging wieder auf meine Tribüne (man muss durch’s ganze Gebäude, um dorthin zu gelangen).
Als ich ankam, sah ich, dass das Pferd jetzt sehr nervös war. Amelie saß relativ verkrampft auf dem Pferderücken und guckte angespannt. Es gelang der Reitlehrerin nicht, das Pferd wieder zu normalem Trab zu bringen. Es scherte ständig aus (die Reiterterminologie ist mir nicht geläufig) und machte, was es wollte. Ich war besorgt, dass Amelie wieder runterfallen würde, und rief, dass das jetzt keinen Sinn mehr habe. Die Reitlehrerin sagte, ich solle keine Angst haben, das würde sich auf das Pferd übertragen. Und weil Amelie jetzt Angst habe, habe das Pferd auch Angst. Sie dürfe keine Angst haben. Ok, soll ich es meiner Tochter befehlen? Hilft bestimmt. Sie hat dann garantiert gleich keine Angst mehr. *Grr*

Das sind die Situationen, wo ich verärgert bin, dass so wenige Menschen Gewaltfreie Kommunikation beherrschen. Wenn jemand von einem Pferd fällt, steht er unter Schock. Dieser Schock verschwindet auch nicht deshalb, weil ihm jemand erklärt, dass es total normal sei, mal vom Pferd zu fallen! Und wenn man Kind ist und wird während eines Schocks auch noch mit Verhaltensregeln und Anekdoten zugetextet, lernt man zusätzlich, dass man sich nicht so anstellen muss.
Vermutlich wurden die armen Reitlehrerinnen als Kinder ebenso zugetextet und wissen es jetzt nicht besser. Und das ist ja genau das Problem.

Wir setzten uns vor die Halle und schnauften erstmal durch – Amelie, Lina und ich. Ich riet Amelie, sich heftig zu schütteln, damit die Schockladung eine Chance hat, sich zu entladen. Amelie schüttelte sich also. Sie sah immer noch aus, als ob sie gleich weinen müsse, daher sagte ich, dass es gut wäre, wenn sie das Weinen rauslasse. Das Weinen kam aber nicht.

Wir saßen zusammen und versuchten gerade einige ernergetische Maßnahmen, als eine Frau zu uns kam. Sie stellte sich uns nicht vor, kniete sich aber vor Amelie hin und erzählte ihr, man müsse 50x hinfallen, bis man ein guter Reiter würde. Sie fragte Amelie aus, wie es passiert sei, sie erzählte von ihrem Sohn und seinen Stürzen und eigenen Geschichten und zeigte Blessuren, die sie selbst beim Reiten davon getragen hatte. Blablabla. Wenn Amelie antworten sollte, merkte ich, dass sie gar nicht deutlich sprechen konnte, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Leider war ich zu höflich, um der Frau zu sagen, dass wir das jetzt nicht hören wollten. Amelie sagte mir aber später, sie hätte sich gewünscht, ich hätte sie gestoppt.

Ich bin sicher, die Frau meinte es gut (ihren Namen kenne ich immer noch nicht). Sie wollte Amelie sicher zeigen, dass es nicht peinlich ist, vom Pferd zu fallen. Aber sie half ihr damit gar nicht. Amelie findet es nicht schlimm, vom Pferd gefallen zu sein. Aber sie hatte dadurch einen leichten Schock. Und ein Schock sitzt im Körper. Es wäre hilfreich gewesen, man hätte sie in Ruhe gelassen.

Dafür zu sorgen, wäre meine Pflicht gewesen.
Und das nächste Mal bin ich nicht so ein Weichei, sondern sage Stopp, wenn jemand meine Kinder volllabert. So gewaltfrei wie möglich. Und dann hoffe ich, dass niemand mit mir eine Diskussion darüber anfängt, dass ich mich nicht so anstellen solle.