Am Freitag war ich mit meiner Familie an einem Badesee südlich von Frankfurt. Nachdem wir die Phalanx älterer nackter Männer hinter uns gelassen hatten waren, die – jeder für sich – im hohen Gras lagen (mein Mann mutmaßte, dass sich einige von ihnen vermutlich diskret in noch höherem Gras trafen, um sich äh… noch tiefer zu entspannen), gelangten wir in den schattigeren Teil des Sees, wo noch wenige Badende lagen.

Ein tätowierter, rauchender Vater und seine Teenagertochter waren die einzigen Menschen in unserer Nähe, und es störte nur wenig, dass der Vater auch im Wasser rauchte, denn ich konnte ihm ja aus dem Weg gehen. Meine Tochter und mein Mann plätscherten auf der Luftmatratze, und ich freute mich über den schönen ruhigen Nachmittag am See.

Die Freude währte nicht lange. Die erste Störung näherte sich in Form eines jungen tätowierten Paares samt einer Freundin und einem kleinen dünnen Hund. Der dünne Hund rannte überall umher, und er nahm es gelassen zur Kenntnis, wenn er gerufen wurde. Ich konnte förmlich sehen, wie er dachte:  „Ihr könnt mich mal“ Manchmal drehte er sich gelangweilt um und machte ein paar Schritte in Richtung des Liegeplatzes seiner Leute, aber nur, wenn er zufällig sowieso dorthin wollte. Bei den wenigen Malen, wo er tatsächlich auf dem Handtuch eintraf, wurde er zärtlich belohnt. Wenn er auf unser Handtuch lief, wurde er liebevoll zurückgetragen, aber näher wurde das Geschehen nicht kommentiert. Der Hund machte ja schließlich nichts kaputt, nicht wahr?

Dann kamen zwei Frauen mit vier (!) Hunden und legten sich fünf Meter entfernt von uns hin. Auch diese Hunde waren zum Glück sehr friedfertig, aber immerhin sehr lebendig. Da war der süße kleine Bimbim (alle Hundenamen sind geändert), und er war ein winziger schwarzer, neugieriger kleiner Racker mit einem Geschirr, auf dem stand: „Bin nicht süß“.

Dann war da Echnathon, ein ca. 50 cm hoher, kräftiger Hund mit eingedrückter Nase, der wie eine Bulldogge oder ein Boxer aussah. Und nicht zu vergessen Fluxy, ein mittelgroßer Hektiker, der aussah wie ein zu klein geratener Schlittenhund. Er war sehr furchtsam, aber trotzdem sehr neugierig und untersuchte gerne unseren Liegeplatz. Schließlich war da noch ein Windhund, dessen Namen ich nicht mehr weiß.

Die Hunde schwammen, schüttelten sich kräftig und spielten nach Herzenslust und in hohem Tempo Fangen. Sie balgten sich ausgelassen, und wir konnten noch von Glück sagen, dass sie dabei überhaupt fröhlich waren und sich und uns nicht an die Kehle sprangen. Als meine Tochter die Luftmatratze aufblies, wurde Echnathon (die Boxerdogge) aber etwas ungehalten und zeigte das auch. Ich freute mich, dass meine Tochter nicht angemacht wurde, dass sie den Hund geärgert hätte. Aber keiner kommentierte das. Angeleint war natürlich keiner. Es fehlte nur noch, dass jemand begütigend sagte: “Der macht nichts, der will nur spiele.”

Die Frau, der die entzückenden Tierchen gehörten, legte Wert auf antiautoritäre Erziehung. Denn auch wenn sie ihre Lieben ständig rief („BIMBIM! BIMBIM! Komm ma hierher! FLUXY, mach Platz!“), passierte kaum etwas, wenn sie nicht folgten. Als Fluxy sich im Dreck wälzte, beschimpfte sie ihn „Du bist vielleicht ein Schwein!“ und tätschelte den Windhund, der zwar auf dem Handtuch ihrer Freundin lag („Das ist de Conny ihr Handtuch!“), den sie dort aber nicht wegholte, und sie lobte ihn mit den Worten: „Du bist doch der Beste!“. Gut, dass sie keine Kinder hat, sondern nur Hunde.

Wir waren die absoluten Spießer an diesem See. Weder rauchten wir, noch waren wir tätowiert, und wir hatten keinen Hund. Und wir wollten nicht mit Echnathon baden. Wir wollten  nicht, dass Bimbim sein Revier direkt neben dem Kleid meiner Tochter markiert – ist das nicht total spießig? Ich zerrte es sogar hysterisch weg, damit es nicht versehentlich direkt auf der Reviergrenze lag und womöglich doch mitmarkiert werden musste. Als Bimbim nach seinen Markierungsarbeiten zurück zu seinem Frauchen lief, knuddelte sie ihn und sagte: „Du kleiner Racker!“ So süß.

Neben Zigarettenduft war die Luft überhaupt erfüllt von halbherzigen Rufen nach Hunden, die nicht funktionierten: “Bimbim, komma hierher. Bimbim!” “Fluxy, was machste denn schon widder für’n Scheiß!” Die Hunde kamen nie, wenn man sie rief, aber man kann es ja immer wieder versuchen, nicht wahr?

Ich sagte nichts zu alledem. Ich sah völlig ein, dass wir die Feinde waren. Ich konnte riechen, wie die Hundehalter darauf warteten, dass wir uns endlich darüber beschwerten, dass sie ihre Hunde nicht im Griff hätten. Sie spürten unsere Ablehnung, und sie wollten mit uns streiten, weil das ihre Vorurteile gegenüber Hundehassern bestärkt hätte. Was ist so schlimm daran, wenn sie über unser Zeug rennen? (Schade, dass meine Kinder nicht über ihr Zeug gerannt sind!)

Ich fühlte, wie sie sich die Repliken zurechtlegten, die sie mir an den Kopf werfen wollten. Wie kann man nur so uncool sein, eine Luftmatratze als Schutzwall gegen diese friedlichen Tiere zu errichten? Scheiß-Hundehasser! Warum sind wir überhaupt hergekommen? Selber schuld! Wo sollen die armen Hunde denn sonst baden, wenn nicht im See? Ins Schwimmbad dürfen sie ja nicht! Wir kommen schon seit Jahren hierher, und noch nie hat sich jemand beschwert!

Ich habe übrigens gar nichts gegen Hunde. Ich mag sie sogar. Ich mag sie so sehr, dass ich mir keinen anschaffe, denn ich könnte mich nicht genug um ihn kümmern, und ich fände es furchtbar, ihn während des Urlaubs zu anderen Leuten zu bringen.
Ich meine es absolut ironiefrei, wenn ich sage, dass Hunde die reine Liebe verkörpern. Viele Hundehalter (und das schließt besonders die ein, die ich gestern am See gesehen habe) haben ein großes Selbstwertproblem, und ihre Hunde tun vor allem eins: sie lieben sie bedingungslos. Das kann ich wahrnehmen. Und oft sind die Hunde die einzigen Lebewesen, von denen diese Hundehalter überhaupt geliebt werden. Sie tun ihren Leuten einen großen Dienst, denn sie können gleichzeitig Kind, Partner und Eltern sein, und sie geben ihren Leuten dadurch Halt und Struktur. Ich habe daher große Hochachtung vor diesen Tieren.

Leider können die sich selbst nicht liebenden Hundehalter meist nicht mit Hunden umgehen. Sie sind nicht streng mit ihrem Hund, denn Strenge bedeutet für sie Lieblosigkeit, und sie wollen ihn liebevoll behandeln. Wenn ein Mensch, der sich nicht liebt, einen Hund hat, muss der Hund viele Rollen gleichzeitig übernehmen. Aber der Hund ist völlig überfordert, wenn er Projektionsfläche für so viele Gefühle sein muss, wenn er Geliebter, Kind und Freund sein soll. Ein Hund ist – so banal das klingt – in erster Linie ein Hund. Er braucht Erziehung und eine klare Hierarchie. Er braucht klare Konsequenzen und muss seinen Platz haben – das weiß ich von einer erfahrenen Hundetrainerin, für die ich eine Website gebaut habe. Wenn man den Hund nicht bestraft, wenn er nicht kommt, dann lernt er daraus, dass er nicht gehorchen muss. Das hätte ich der Hundefrau alles sagen können, aber ich hielt den Mund, denn ich hatte ja keine Ahnung, denn ich habe ja nur Kinder.

Wir sind dann schließlich gegangen – nach nur anderthalb Stunden. Und wir haben daraus gelernt, nur noch ins Schwimmbad zu gehen.