Dieser Satz stammt von meiner Großmutter und heißt übersetzt: Man geht den Leuten aus dem Weg, nicht in den Weg! Er hat mein Verhalten so sehr geprägt wie kaum eine andere Verhaltensregel sonst – besonders in der Öffentlichkeit. Denn ich bin jetzt 44 Jahre alt und gehe immer noch allen Leuten aus dem Weg. Überall. Ich habe gar keine Wahl – ES macht es einfach.

Diese Regel ist durchaus sinnvoll, z.B. in der U-Bahn: bevor man selbst einsteigt, sollte man die Tür freigeben, damit Menschen, die aussteigen können, es leichter haben. Und man selbst bekommt dann vielleicht sogar einen Sitzplatz. Aber die Regel kann mitunter auch groteske Züge annehmen, z.B. wenn ich im Supermarkt fast ins Kühlregal krabble, um den anderen Einkäufern nicht im Weg zu stehen. Oder wenn ich, wie gestern, bei H&M kaum dazu komme, mir die (übrigens immer ramschiger werdende) Ware anzuschauen, weil ich fortwährend damit beschäftigt bin, jungen, schlafwandlerisch langsamen Müttern mit Kinderwagen auszuweichen. Gestern war Samstag, und offensichtlich hatten sich mehrere Krabbelgruppen zu Shopping-Ausflügen verabredet, und ich musste – dank der erfolgreichen großmütterlichen Abrichtung, die ich nicht mehr rauskriege – Haken schlagen wie ein Kaninchen, weil ich bei jedem Aus-dem-Weg-gehen zu Gunsten der einen Mutter automatisch einer anderen Mutter in den Weg ging. Ich kam mir vor wie in einem Computerspiel: „Versuchen Sie, den Hindernissen auszuweichen und trotzdem zu den Produkten zu gelangen und eine Hose auszusuchen.“ Ich wurde immer nervöser, hilfloser und aggressiver, weil ich völlig überfordert war.

Das Beste ist: diejenigen, denen ich ausweiche, merken es nicht einmal! Vermutlich merken sie es nur, wenn man es nicht tut. Aber dazu kam es nicht, denn ich kann nicht anders, als ihnen auszuweichen, weil ES sich automatisch in sie hineinversetzt und sich erinnert, wie nervig es ist, mit einem Kinderwagen im engen und vollen H&M herumfahren zu müssen und nirgends durchzukommen. Ich weiß noch genau, wie das war – ich hatte ja sogar einen Zwillingswagen.

Zusätzlich zu dieser lästigen Konditionierung, Leuten ständig aus dem Weg zu gehen und damit den eigentlichen Zweck meines Aufenthalts  vollkommen aus dem Blick zu verlieren, kam noch eine weitere Unbill: überall läuft immer Musik. Meist sehr hektische Musik. Ich mag hektische Musik schon unter günstigeren Umständen ÜBERHAUPT nicht, aber während eines Dauer-Ausweichmanövers in einem überfüllten Kaufhaus führt hektische Musik dazu, dass ich große Mühe habe, niemanden umzubringen oder wenigstens ein paar Kleiderständer umzuwerfen.

Aber ich gehe nicht nur selbst Leuten aus dem Weg. Ich erwarte auch, dass sie es tun – so ist das mit Verhaltensregeln. Man erwartet immer, dass sich alle dran halten, denn warum sollte es anderen Menschen besser gehen als einem selbst?!
Als ich vor einigen Wochen die Toys’ur’us-Niederlassung im Nordwestzentrum betreten musste (ein Besuch im Nordwestzentrum allein ist schon eine Strafe für mich, aber dieser Laden ist für mich wie Dunkel-Einzelhaft), standen zwei wohlgenährte, junge, blondgefärbte Mütter mit Migrationshintergrund und je einem Kinderwagen an einer der engsten Stellen des Geschäfts und  hielten ein Schwätzchen. Ich fragte sie in sachlichem Ton, ob sie sich vielleicht woanders hinstellen könnten. Ganz offensichtlich hatte keine dieser beiden Mütter eine solche Konditionierung wie ich, denn die eine Mutter antwortete mir in überraschend schriller Tonlage, dass sie das auf keinen Fall könnten. „Ok“, sagte ich, „beruhigen Sie sich, dann bleiben Sie eben da stehen!“ Sie keifte daraufhin noch etwas, aber ich habe es nicht verstanden. Und ich war ein bisschen neidisch, weil sie mir einfach so im Weg herumstehen konnte, ohne dass ihr Über-Ich dafür mit ihr schimpfte.

Ich müsste vermutlich in den USA leben. Im Jahr 2009 haben wir in Kalifornien Wohnmobil-Urlaub gemacht und gingen regelmäßig in Bio-Supermärkten Einkaufen. Als ich den Amerikanerinnen  auswich und – wie gewohnt – fast ins Kühlregal kletterte, haben sie es nämlich BEMERKT und sich BEDANKT oder ENTSCHULDIGT! Und sie wichen mir ihrerseits ebenfalls aus! Welche Labsal für meine geschundene Seele! Endlich sah jemand meine Mühe und wertschätzte sie! Das habe ich in Deutschland noch nie erlebt. Noch nie. In Deutschland komme ich mir mit dieser bescheuerten Konditionierung manchmal hysterisch vor, aber in den USA gehört sie zum guten Benehmen.

Aber natürlich würde ich deswegen nicht in den USA leben wollen. Ich bestelle einfach mehr über’s Internet. Dann muss ich auch nicht so viel schleppen.

Welche Konditionierungen nerven Sie im Alltag? Was würden Sie gern ablegen, können es aber nicht? Ich bin gespannt!