Gestern habe ich erfahren, wie Lernen in einer Freien Schule funktioniert.

Gestern habe ich an der Schule meiner Kinder hospitiert. Uns Eltern wird empfohlen, das in regelmäßigen Abständen zu tun, aber ich hatte es mir bisher nicht eingerichtet. Ich bin aber froh, dass ich einen kleinen Einblick in den normalen Schulalltag hatte, denn ich kenne die Schule sonst nur von meinem Jura-Unterricht (2013) und von den Jahreszeitenfesten.

Ich komme morgens gemeinsam mit meinen Kindern in die Schule. Die Schule umfasst weniger als 150 Kinder und besteht aus einem für eine Schule relativ kleinen Holzgebäude und umfasst einen Kindergartenbereich, eine Grundschule und eine Sekundarstufe. Ich komme im Grundschulbereich an, aber meine Kinder nehmen einen anderen Eingang, da sie in die Sekundarstufe gehen.

In dieser Schule gibt es keinen Unterricht in dem Sinne, dass alle zu bestimmten Zeiten an einer Stunde teilnehmen müssen. Es gibt zwar für bestimmte Belange feste Zeiten (z.B. für Besprechungen), aber jedes Kind kann selbst entscheiden, ob es an einem Lernangebot teilnimmt oder nicht. Sie ist vergleichbar mit einer Sudbury-School, geht aber zurück auf Rebeca und Mauricio Wild und Maria Montessori.

Es gibt einen offenen “Hauptraum”, außerdem Bereiche, die durch Regale von diesem Hauptraum abgegrenzt wurden sowie Räume, die durch richtige Wände abgetrennt sind. Der Kindergartenbereich hat eine eigene Eingangstür, und es gibt eine Glastür zwischen Grundschule und Kindergarten. Ich darf überall zuschauen, muss aber darauf achten, dass ich die Kinder nicht in ihrer Tätigkeit ablenke. Wenn ich in den Sekundarbereich will, brauche ich eine einstimmiges Ja von allen Sekundar-Jugendlichen – wenn es für einen nicht ok ist, dass ich zuschaue, darf ich nicht bleiben.

Am Anfang habe ich jedoch gar kein Interesse, in den Sekundarbereich zu gehen. Ich beginne in der Grundschule. Die Atmosphäre ist vollkommen entspannt und ruhig. Fünf kleine Jungs sitzen in der Bauecke und tauschen kleine Figuren, haben manchmal Meinungsverschiedenheiten, aber es kommt keine Aggression auf. Zwei weitere, kleinere Jungs kommen hinzu und sind sofort integriert.

Irgendwann langweilt es mich und ich gehe nach nebenan, wo gerade Englisch unterrichtet wird. Die Begleiterin (so heißen die Lehrer hier) hat mehrere Jahre in den USA gelebt und spricht besser und flüssiger Englisch als mein damaliger Lehrer am Gymnasium. Es geht um Tiere, und es sind sechs Mädchen anwesend, später kommt noch eines hinzu. Zuerst werden Tierkarten ausgeteilt und sie sollen den Namen des Tieres sagen. Dann wird Memory gespielt, und man darf das Pärchen nur nehmen, wenn man den englischen Namen des abgebildeten Tieres sagen kann. Später werden mehrere Arbeitsblätter ausgeteilt, wo die Kinder Begriffe zu Bildern zuordnen sollen. Alle sind konzentriert, aber entspannt bei der Sache. Die Atmosphäre ist angenehm, weil kein Druck herrscht, und weil die Kinder spüren, dass die Begleiterin sie mag und respektiert. Ein Mädchen will bei der schriftlichen Arbeit niemanden abgucken lassen, und da sagt die Begleiterin auf Deutsch lachend etwas, das ich in einem solchen Zusammenhang noch nie zuvor gehört habe, das mich aber sofort überzeugt hat: “Laufen, Sprechen und so viele andere Dinge lernen wir durch Nachahmung, warum also sollte man jemanden nicht abgucken lassen?”

Als Englisch vorbei ist, gehe ich in einen der beiden Sekundarräume (die Schule baut demnächst eine Erweiterung, wo es mehr Platz für die Sekundarstufe gibt), bitte um eine einstimmige Aufenthaltserlaubnis und bekomme sie auch. Wie ich später erfahre, handelt es sich um den “geselligen Raum”, und tatsächlich hängen hier die Jugendlichen vor allem herum und reden und tun nichts Besonderes. Mir wird schnell langweilig, denn es ist ein bisschen wie in einer Kneipe ohne Getränke.

Ich gehe also wieder in den Grundschulbereich und sehe drei Kindern (2 Mädchen, 1 Junge) beim Legospielen zu – sie haben einen oben offenen Bungalow aufgebaut, in dem sie mit Figuren spielen. Ein Mädchen ist schon 10 (ich kenne sie ziemlich gut), die anderen etwas jünger. Mit dem 10jährigen Mädchen spreche ich über die benachbarte Kita, die trutzig wie eine Fabrik neben unsere Schule gebaut wurde, mit einem komplett fertig gestalteten Außenbereich, wo aber nach Aussage des Mädchens selten jemand spielt. Wir scherzen, dass es ein bisschen wie im Knast sei, wo die Insassen einmal am Tag Freigang hätten. Hinter der neuen Kita ist noch eine weitere, und dort spielten Kinder im Außengelände, und das Mädchen berichtet, diese Kinder seien öfter draußen zu sehen. In unserer Schule kann natürlich jeder rein- oder rausgehen, wann und wie er oder sie will.

Unterdessen begann im anderen Sekundarraum Englisch für die “Sek-ler”, und ich komme etwas später dazu. Es geht um Emotionen und wie man sie benennt. Die Jugendlichen sitzen auf dem Sofa, auf Tischen, auf dem Boden und bearbeiten Arbeitsblätter, die ihnen die Begleiterin ausgeteilt hat, schauen im Dictionary die Wörter nach, die sie eintragen sollen und sind sehr konzentriert. Irgendwann fällt der Begleiterin auf, dass ein am Boden sitzendes Mädchen immer trauriger wird, und sie wendet sich ihr zu. Während sie ganz leise mit ihr spricht, arbeiten die anderen weiter, schwatzen zwischendrin mal kurz, wenden sich aber dann wieder ihrem Blatt zu. Man kann kommen und gehen, wie man will, und meine eine Tochter, die sehr gut Englisch spricht, war z.B. schon gegangen, bevor ich reingekommen war, weil sie sich gelangweilt hatte.

Als das Gespräch mit dem traurigen Mädchen beendet ist, geht die Begleiterin aus dem Zimmer, und einige Jugendliche arbeiten noch weiter an ihrem Arbeitsblatt. Wenn sie reden wollen, flüstern sie leise.

Was auffällig ist an dieser Schule:

Es herrscht keinerlei Druck. Die Kinder lernen, was sie wollen und wann sie wollen, und sie werden nie bewertet, sondern immer nur unterstützt. Aber es herrscht durchaus Struktur. Wenn man backen will (das steht sehr hoch im Kurs!), muss man sich eintragen, und sogar die Nutzung des Toberaums ist reglementiert: Da die Nachfrage so groß ist, muss man sich in eine Liste eintragen. Die Kinder regeln sehr viel selbst und tun das sehr verantwortlich.

Auch das soziale Verhalten ist auffällig – vor allem, weil es so unauffällig ist. Natürlich gibt es auch Streit, aber im Großen Ganzen ist alles sehr harmonisch. Die Verhaltensvorschrift, die in jeder regulären Grundschule als Klassenregel aufgeschrieben ist – “Alle nehmen aufeinander Rücksicht” – ist hier so normal, dass man sie nirgends hinschreiben muss. Den Satz “Ist es für dich ok, wenn ich …”, höre ich von Kindern wie von Erwachsenen. Die Begleiter sprechen mit Kindern und Erwachsenen in der gleichen Tonlage und nehmen Erwachsene und Kinder gleichermaßen ernst.

Die Kinder erhalten den Raum, sich und ihre Gefühle und Bedürfnisse zu spüren, sie werden gehört und gesehen, und sie dürfen sie selbst sein. Wenn z.B. in der Besprechungsrunde immer wieder aufgebracht wird, dass eine Gruppe einen besonderen Raum braucht, wird versucht, dem gerecht zu werden. Demzufolge gibt es immer wieder mal Umräumaktionen, bei denen die Innenausstattung komplett umgestaltet wird und Räume neu gewidmet werden.

Was ich besonders fein finde, ist der Übergang vom Kindergarten- in den Grundschulbereich. Damit meine ich nicht den räumlichen Übergang, sondern die Phase, in der ein Kindergartenkind beschließt, mal am Grundschulbereich zu schnuppern. Die Kindergartenkinder können in der Übergangsphase selbst wählen, an welchen Tagen sie in die Grundschule und an welchen sie lieber in den Kindergarten gehen wollen. Sie können also auch wieder zurück, wenn sie merken, dass es doch noch zu früh war. Die Lernbedingungen in der Grundschule sind zwar im Wesentlichen die gleichen wie im Kindergarten, aber die Räume sind größer, es sind mehr Kinder, es gibt gewachsene Sozialstrukturen, und dort muss man erstmal einen Platz finden! Um im Grundschulbereich klarzukommen, muss man konfliktfähiger sein als im Kindergarten und auch seine Meinung vertreten können.

Durch diesen sehr fließenden Übergang ist es schwierig, den richtigen Zeitpunkt für eine Schultüte zu wählen. Denn das Kind kann jederzeit wechseln, wenn es sich stimmig anfühlt, auch mitten im Schuljahr.

Wie sind die Kinder dieser Freien Schule?

Bei dieser Frage komme ich leicht ins Schwärmen! Auf den ersten Blick sind sie “normal”, aber eigentlich sind sie auf eine gute Art unnormal. Denn wenn ich Regelschulkinder sehe, bemerke ich immer, wie seltsam sie sich verhalten, auch wenn es mir schwer fällt, dies an Einzelheiten festzumachen. Die meisten Kinder unserer Schule sind z.B. ziemlich gut mit sich verbunden. Auch die Kleinen sind es gewöhnt, ernstgenommen zu werden und fordern das auch ein. Alle Kinder können sich gut ausdrücken, machen Vorschläge, können argumentieren, denken mit und können auch die Standpunkte von anderen nachvollziehen. Aber es sind natürlich keine Übermenschen – auch hier gibt es Zickenalarm, aber eben nicht so lange und nicht so intensiv, und die Begleiter bewerten nicht. Das ist das Schönste.

Lernt man denn da überhaupt etwas?

Erstens: Ja – man lernt das, was man will. In seinem eigenen Tempo, ohne Bewertung, Überprüfung und Druck. Einmal wurde der Reichstag aus Kapla-Steinen aufgebaut. Andere Kinder arbeiten handwerklich. Andere spielen Lego oder Gesellschaftsspiele oder machen etwas anderes. Bei allem, was man tut, lernt man irgend etwas. Und wenn es sozialer Umgang ist.

Zweitens: Was bedeutet überhaupt Lernen? Wir haben bei schulischem Lernen oft die Vorstellung, Kinder würden funktionieren wie Computer: Man kann die altersentsprechende Mathe- oder Englisch-Software einfach installieren, und dann kann die Festplatte die implementierten Informationen jederzeit abrufen. Aber so ist es ja nicht. Wenn mich nicht interessiert, was unterrichtet wird, wenn es zu schnell geht, oder wenn der Lehrer es nicht schafft, den Unterricht interessant zu gestalten, bleibt der Unterrichtsstoff nicht hängen. Die Software kann dann nicht installiert werden.
Aber auch wenn mich der Stoff interessiert, kann ich nur dann jederzeit auf ihn zugreifen, wenn ich ihn immer wieder brauche. Ich z.B. arbeite gern mit Photoshop und habe ein Tutorial über’s Freistellen von Haaren und Fell schon mehrere Male angeschaut. Aber da ich diese Funktion selten brauche, vergesse ich immer wieder, wie es geht. Und das Meiste von dem, was Kinder in der Schule lernen, hat zu ihrem Leben keinerlei Bezug. Addition und Subtraktion sind wichtig für’s spätere Leben, ebenso Dreisatz, Prozentrechnung und die Grundzüge der Bruchrechnung, aber  Vektorrechung, Integralrechnung und Analysis braucht man als Normalsterblicher später nie wieder. Wir lernen also nicht für’s Leben, sondern nur für die Schule. Und eigentlich sogar nur für den nächsten Test. Gerald Hüther nennt diese Art der Beschulung “Bulimie-Pädagogik”, weil man sein Wissen nur in den nächsten Test erbricht und dann wieder Platz hat für neues.

Was man an Regelschulen lernt:

  • Vor allem lernt man, dass man über seine Zeit nicht selbst bestimmen darf. Der ganze Tag ist von einer höheren Instanz strukturiert, und ich muss ihr gehorchen. Jemand setzt mir einen Stoff vor, und ich muss mich genau so lange damit beschäftigen, wie der Lehrer sagt. Nach 45 bzw. 90 Minuten ist Schluss. Und da der Unterricht in den meisten Schulen bis in die Nachmittagsstunden dauert und die Kinder dann auch noch Hausaufgaben machen müssen, habe ich auch keine Zeit mehr, mich mit dem zu beschäftigen, was mich wirklich interessiert – weil ich dann müde ins Bett falle. Und dadurch kontrolliert diese höhere Instanz mein ganzes Leben, und ich kann nichts dagegen tun.
  • Da ich nicht selbst bestimmen kann, was ich lerne, schlage ich eigentlich nur meine Zeit tot. Ich werde beschult, doch ob ich etwas lerne, hängt von glücklichen Umständen ab: guter Lehrer, ich habe eine gute Beziehung zum Lehrer, und/oder das Fach interessiert mich zufällig.
  • Jemand anderer bestimmt, ob ich klug oder dumm bin. Der Typ da vorne ist vielleicht ein beschissener Pädagoge und hat keine Ahnung, wie man etwas gut erklärt, aber nicht er wird für seinen schlechten Unterricht bewertet, sondern ich dafür, dass ich seine schlechten Erklärungen nicht verstehe – wie krank ist das denn?! Und ja, vielleicht bin ich kein Mathegenie, aber ich werde sicher nicht besser, wenn man auch noch jemand schlechtmacht dafür.
  • Alles, was ich tue, wird bewertet – auch das, was ich liebe. Wenn alles bewertet wird, was ich tue, dann kann ich mich nur noch schwer einer Sache wirklich hingeben, sondern ich muss mich immer im Hinblick auf eine Note hingeben. Immer ist jemand da, der mich bewertet. Dadurch geht meine intrinsische Motivation flöten – Dinge einfach nur aus Freude zu tun.
  • Ich muss funktionieren und mich anstrengen, Leistung zu erbringen, damit ich etwas wert bin. Wenn ich versage, bin ich wertlos. Und wie es mir geht, interessiert überhaupt niemanden.
  • Wenn ich nicht normgerecht funktioniere, habe ich gute Chancen, Medikamente zu bekommen, die mich reparieren. Ritalin wird als ebenso gefährlich wie Heroin eingestuft.

Welchen Abschluss kann man an dieser Schule machen?

Man kann keinen Abschluss machen. Wenn man aufs Gymnasium will, kann man einen Aufnahmetest machen, wenn man einen Realschulabschluss haben will, gibt es auch dafür externe Prüfungen, auf die man sich unter Anleitung der Begleiter vorbereitet. Da die Schule erst zehn Jahre besteht, gibt es noch nicht so viele Abgänger. Vor zwei Jahren haben zwei Mädchen aufs Gymnasium gewechselt, eins davon ist im Rahmen eines Schüleraustauschs dann ein Jahr (!) nach Japan (!) gegangen, nachdem sie sich selbst (!) Japanisch beigebracht hat. Das andere Mädchen interviewe ich nächste Woche, wie es ihr am Oberstufengymnasium ergeht und warum sie Klassenbeste ist. Im nächsten Blogartikel werde ich davon berichten.

Bleiben Sie dran!

By | 2015-02-27T17:36:45+00:00 Februar 27th, 2015|Allgemein|0 Comments

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