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“Lebe jeden Tag, als wäre es der letzte.” Nee, lieber nicht.

Da neulich in meinem Umfeld in kurzer Zeit drei Menschen verstorben sind, der eine davon sehr plötzlich, hab ich mir das mal wirklich vorgestellt: wie wäre es, wenn ich jeden Tag leben würde, als wäre es der letzte? Wenn ich wirklich damit rechnen würde, die nächsten Tage nicht mehr zu erleben, dann würde ich jeden Tag meine beiden Töchter anrufen und ihnen sagen, wie sehr ich sie liebe. Ich glaube, nach spätestens einer Woche würde ihnen das zum Hals raus hängen, da ich ja relativ wahrscheinlich in einer Woche doch noch lebe.

Wenn ich täglich alle lieben Menschen, von denen ich mich jeden Tag verabschieden würde, angerufen hätte, würde ich die verbleibende Zeit des Tages nutzen, um mit meinem Mann tolle Ausflüge zu machen. Dann müsste ich allerdings mein Büro schließen, weil man ja seinen letzten Tag nicht mit Arbeit verbringen soll.

Vermutlich würde ich sehr, sehr zunehmen, weil ich ja all die leckeren Sachen noch einmal essen müsste, bevor ich den Löffel endgültig abgeben muss.

Wahrscheinlich wären wir ziemlich bald pleite, weil die vielen Ausflügen natürlich ins Geld gehen. Der Haushalt würde auch völlig im Chaos versinken, denn ich will ja meinen letzten Tag nicht mit Hausarbeit verbringen. Was will ich eigentlich anziehen? Denn auch Wäsche würde ich hier in meinem potentiell letzten Lebenstag keine mehr waschen.

Nachdem ich mir alles das überlegt hatte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich das nicht machen werde – also jeden Tag wie den letzten zu leben. Ich will nicht jeden Tag Abschied nehmen. Das wäre ja wie ein ewiger Groundhog Day. Ich will auch planen und arbeiten und Normalität erleben.

Deshalb begnüge ich mich damit, mit meinen Kindern nur hin und wieder zu telefonieren und auf WhatsApp solche Unterhaltungen zu führen, die von einer längeren Lebensdauer ausgehen. Wenn ich ihnen sage, wie sehr ich sie liebe, antworten sie eh immer “Ich weiß, Mama”. Nur meinen Mann sage ich seitdem wirklich täglich, dass ich ihn liebe. Und er mir. Und das ist jedes Mal schön.