Belohnungssystem Kinder

Man kann Kinder loben. Wenn man Junkies heranziehen will.

Belohnungssysteme für Kinder sind sehr beliebt. Und Belohnungssysteme funktionieren ja auch prima, z.B. bei Hunden. Gehorcht der Hund, bekommt er ein “Leckerli”. Bei Kindern geht das genauso. Räumt das Kind sein Zimmer auf, bekommt es einen Stern in irgendein Album geklebt.

Ich würde sagen, wenn wir etwas Gutes getan haben, wollen wir das vor allem gemeinsam mit anderen feiern.

Neulich war ich zu Besuch bei Freunden, die eine fünfjährige und eine neunjährige Tochter haben. Die Fünfjährige (ich nenne sie mal Julia) hatte gerade geduscht und saß in ein Handtuch gewickelt im Garten. Sie wollte etwas aus der Küche holen, dafür musste sie die Treppe hochsteigen. Da sie sowieso in die Küche ging, bat ihre Mutter sie, noch eine Flasche Wasser und zwei Becher mitzubringen. Sie machte ein überfordertes Geräusch, und ich war gespannt, was passieren würde. Nach kurzer Zeit kletterte sie tatsächlich langsam und vorsichtig mit der Wasserflasche, zwei darauf gestülpten Bechern und der Sache, wegen der sie eigentlich in die Küche gegangen war, die Treppe herunter. Dabei hielt sie immer noch ihr großes Handtuch um sich gewickelt und schaffte es, nicht draufzutreten. Anschließend stellte sie alles behutsam auf dem Gartentisch ab. „Julia!“ rief ich mit relativ weit aufgerissenen Augen, „Boah, du hast das jetzt alles die Treppe herunter getragen, nichts fallen lassen und es sicher auf dem Tisch abgestellt! Und dein Handtuch hast du auch nicht verloren. Ich bin beeindruckt!“ Sie strahlte.

Was hatte ich getan? Ich habe die Beobachtung geschildert und das Gefühl geäußert, das die Beobachtung bei mir ausgelöst hat. Wir haben uns beide gefreut, und vor allem hatten wir Augenhöhe. Ich habe mich nicht über sie gestellt, sondern ich war einfach nur beeindruckt. Für einen kurzen Moment habe ich mit ihr zusammen gefeiert, dass sie all die vielen Sachen unbeschadet allein runtergetragen hat, sogar ohne dabei ihr Handtuch zu verlieren.

Was würden die meisten Erwachsenen sagen? „Das hast du toll gemacht.“

Sie meinen es nicht böse, und es ist wahrscheinlich besser als gar nichts. Aber der Satz „Das hast du toll gemacht“ ist eine Bewertung. Da derjenige, der ihn sagt, in der Regel mehr Befehlsgewalt hat als derjenige, an den er gerichtet ist (z.B. Mutter/Kind, Chef/Mitarbeiter), hat der Bewertende automatisch einen höheren Status als der Bewertete, und zwar auch, wenn die Bewertung sehr gut ausfiel. Denn um etwas positiv bewerten zu können, muss man hoch genug stehen, um sich ein Urteil erlauben zu können.

Mein Mann, meine beiden 13jährigen Töchter und ich schauen gerne Voice of Germany und auch Voice Kids. Wenn Kinder herausragend gesungen haben und die selbst kaum den Kinderschuhen entwachsene Lena zu ihnen sagt „Das habt ihr richtig toll gemacht!“, tut es uns allen fast körperlich weh. Denn erstens können fast alle Talente besser singen als Lena, so dass sie sich schon rein gesanglich keinen Hochstatus anmaßen kann, und zweitens ist dieser Satz einfach zu wenig, um wirklich wertzuschätzen, was dieser Mensch gerade abgeliefert hat. Wie viel schöner wäre es, wenn sie äußern würde, was der Song mit ihr gemacht hat und wie es ihr gerade ging.

Lob ist ein Trostpreis.

Spüren Sie mal rein, wie es sich anfühlt, wenn Ihr Chef zu Ihnen sagt, Sie hätten etwas toll gemacht, oder wenn er sagt, er finde Ihre Präsentation unglaublich professionell, und er freue sich, dass Sie in seiner Abteilung sind, weil er weiß, dass er sich so auf Sie verlassen kann, und das gebe ihm Entlastung. Spüren Sie den Unterschied?

Wenn Sie nichts spüren, sind Sie wahrscheinlich schon süchtig nach Lob. Das ist normal und nichts, dessen Sie sich schämen müssen, denn so sind fast alle Erwachsenen erzogen (wenn sie denn überhaupt gelobt wurden – ein schwäbisches Sprichwort sagt ja z.B. „Net gschimpft is‘ g‘lobt g’nug!“). Lob war einfach das Beste, das wir kriegen konnten – so wie Menschen im zweiten Weltkrieg eben „Muckefuck“ (eigentlich heißt es Zichorienkaffee) tranken, als es keinen echten Kaffee gab. Aber Lob ist nicht das Beste, was man uns geben kann, wenn wir etwas wirklich Tolles gemacht haben. Marshall Rosenberg hat am Ende von Seminaren immer gebeten, dass, falls wir den Workshop toll fanden, wir sagen sollen, was genau uns gefallen hat, und wie wir uns dabei gefühlt haben und welches Bedürfnis dabei erfüllt wurde. Und wenn wir das tun, vermehren wir die Freude – auf beiden Seiten. Probieren Sie es mal aus!

Lob & Belohnung machen süchtig.

Es gibt mittlerweile viele Studien darüber, wie Lob auf Menschen, respektive auf Kinder wirkt. Zum einen wird Lob als Karotte eingesetzt: Lob soll Leistung steigern. Wir werden zwar gelobt für etwas, das wir getan haben, aber der Fokus liegt in der Zukunft. Wir sollen noch mehr leisten. Das ist eigentlich kein Lob, sondern Doping. Und nicht mal gutes Doping, denn wenn wir dann tatsächlich mehr leisten, dann nur, um noch mehr Lob zu bekommen, aber nicht, weil uns die Leistung selbst Freude macht.

Zudem zerstört Lob die intrinsische Motivation, also die Freude am Tun an sich. Dies wurde bereits in einer Studie von 1971 festgestellt:

Zwei Versuchsgruppen, die gerne Puzzle lösten, wurde die Aufgabe gegeben, an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils vier Puzzles zu bearbeiten. Täglich wurde nach zwei Puzzles eine 8-minütige Pause gemacht, und bevor der Versuchsleiter den Raum verließ, teilte er mit, die Versuchspersonen könnten tun, was sie wollten. Die eine Gruppe wurde an den ersten beiden Tagen für das Lösen der Puzzles bezahlt, am dritten Tag wurde sie informiert, dass sie nun nicht mehr bezahlt würde. Die andere Gruppe erhielt keine Belohnung für das Lösen der Puzzles.

Beide Gruppen arbeiteten an den ersten beiden Tagen auch in der Pause konstant an den Puzzles weiter. Als jedoch die bezahlte Gruppe am dritten Tag erfuhr, dass es mit der Bezahlung nun vorbei sei, beschäftigten sich in der Pause plötzlich deutlich weniger Teilnehmer mit den Puzzles. Die intrinsische Motivation war aufgrund der Bezahlung durch eine äußere ersetzt worden. Die Teilnehmer der anderen Gruppe arbeiteten hingegen auch in den Pausen weiter.

Wenn Lehrer und Eltern also Fleißsternchen und Smileys für gute Noten, aufgeräumte Zimmer und abgetrocknetes Geschirr verteilen, koppeln sie die Handlung immer an eine Belohnung, die mit der Handlung selbst nichts zu tun hat. Es geht dann nicht mehr um die Mathematik, an der man endlich Freude findet, oder um das ordentliche Zimmer, das man genießt, oder um den Beitrag zum Haushalt, den man leistet und durch den man sich wichtig fühlt. Sondern es geht nur noch um die Anzahl der Fleißsternchen, die man in irgendeinem Heft kleben hat.

Und wenn man diese Unterscheidung erst in seinem Leben hat, verlernt man, Freude am Tun zu entwickeln, sondern fragt sich unbewusst immer: „Was springt für mich dabei heraus?“ Man lernt, sich für alles bezahlen zu lassen, denn die 5 Euro für die Zwei in Mathe oder gar 10 Euro für die Eins sind ja nichts anderes als Lohn.

Ich lobe meine Kinder nie.

Aber ich sage ihnen, dass ich mich über sie freue. Ich danke ihnen dafür, wenn sie etwas aufgeräumt haben. Ich lobe Bilder nicht, aber ich thematisiere, wie perspektivisch der Raum gezeichnet ist und wie viel Mühe sich die Zeichnerin bei den Details gemacht hat. Wenn mein Kind singt, sage ich, dass es mir gefällt (ich selbst kann nicht schön singen), und vielleicht sage ich auch „Oh, wie schön!“ Oder ich sage: „Dass du toll singst, weißt du eh. Aber wenn du dazu Gitarre spielst, singst du eher nach unten und für dich, und es wäre toll, wenn du es mehr rausschmettern könntest.“ Oder ich sage: „Boah, du machst wirklich gar keine Fehler beim Schreiben – nur ein paar Kommas fehlen. Soll ich dir mal die Kommaregeln ausdrucken?“ (Ja, sollte ich.)

Ich belohne meine Kinder auch nie.

Es gibt keinen Grund, jemanden für irgendetwas zu belohnen. Man kann ihm manchmal etwas schenken, aber einfach dafür, dass er da ist und man ihn liebt. Wenn ich etwas von meinen Kindern will, vergebe ich Jobs und mache vorher mit ihnen aus, wie viel Geld sie dafür bekommen. Je unattraktiver der Job (z.B. Terrasse putzen ist total unsexy, dicht gefolgt von Auto innen saugen), desto teurer ist er – ist ja logisch. Manchmal ist es uns zu teuer, und dann machen wir es eben selbst.

Meine Kinder wollen übrigens auch nicht belohnt werden: Ich habe letztes Jahr in ihrer Schule ein Jura-Projekt durchgeführt, zu dem auch der Besuch einer Hauptverhandlung (Strafrecht) gehörte. Um zu schauen, wie viel sie sich gemerkt hatten, hatte ich hinterher einen Fragebogen konzipiert und wollte unter denjenigen, die alles am besten beantwortet hatten, zwei Kinogutscheine verlosen. Dummer Fehler! 😀 Bis auf meine Tochter (die zufällig Lust hatte) machte keiner mit. Sie sagten, sie wollten keine Belohnung. Wenn, dann wollten sie den Fragebogen freiwillig ausfüllen – oder eben gar nicht.

Ich bestrafe auch fast nie (mehr).

Die Wirkung von Strafen wird allgemein überschätzt – schon im Grundstudium habe ich gelernt, dass im Mittelalter besonders viele Taschendiebe aktiv waren, wenn einem ihrer Berufskollegen gerade öffentlich die Hand abgehackt wurde, und in Ländern mit Todesstrafe werden mehr Gewaltverbrechen verübt als in Ländern mit milderen Strafen.

Als meine Kinder kleiner waren, habe ich sie manchmal bestraft, weil mein Bewusstsein noch nicht so entwickelt war. Das war sehr trist und ich hatte hinterher immer Schuldgefühle. Mittlerweile finde ich Strafen anstrengend. Man muss die Strafe verhängen, und man muss sich merken, wie lange sie noch dauert. Ich bin aber gar nicht nachtragend genug, um Strafen zu organisieren. Und es ist mir auch zu mühsam. Meine zweite Tochter spielt z.B. 1x in der Woche Sims, und sie darf 40 min lang spielen. Mehr ist schädlich, weil es so süchtig macht (das merkt sie auch). Wenn sie eine Stunde überzieht, spielt sie eben zwei Wochen lang nicht, weil sie ja dann das Kontingent schon erschöpft hat. Das muss ich mir aber in den Kalender eintragen, weil ich es am nächsten Montag schon wieder vergessen hätte.

Wenn meine Kinder mich mal anlügen und ich es rauskriege, besprechen wir das ziemlich ausführlich, und ich sage, wie es mir damit geht. Es bedarf keiner Strafe (das lange Emo-Gespräch ist wahrscheinlich Strafe genug! :D). Wenn sie nicht zur vereinbarten Zeit nach Hause kommen, bin ich nicht sauer, sondern mache mir vor allem Sorgen. Wenn sie sehr verspätet heimkommen, nehme ich sie meist erstmal sehr erleichtert in den Arm und frage sie dann, warum sie sich nicht gemeldet haben, und wie man das künftig organisieren kann, dass ich nicht so lange Unklarheit (und Angst!) habe.

Strafen zerstören außerdem die Beziehung und funktionieren vermutlich sowieso nicht. Strafen führen entweder dazu, dass das Kind sich selbst abwertet oder die Eltern. Auf jeden Fall ist die Beziehung gestört, denn beide Seiten verhärten. Eigentlich brauchen beide Seiten Empathie, aber wenn eine Strafe verhängt wurde, ist das nicht mehr möglich. Es ist naiv, anzunehmen, mein Kind sieht irgendwas ein, nur weil ich es bestrafe. Ich käme nicht auf die Idee, meinen Kindern als Strafe TV-, Handy- oder PC-Konsumverbot aufzuerlegen.

Vor kurzem haben mir meine Kinder bescheinigt, dass ich die coolste Mutter der ganzen Schule bin (zusammen mit nur einer anderen Mutter).

Sehr schön und illustrierend zum Thema ist auch dieser Blogbeitrag von Anna Luz de León.