Als meine Kinder noch klein waren, habe ich oft gehört: “Genieß’ die Zeit!” Diesen Spruch hört sicher jede Mutter, und ich wäre gespannt, wer sich daran hält. Ich jedenfalls nicht.

Es begann mit einer anstrengenden Zwillingsschwangerschaft, in der nur wenig schlafen konnte, weil ich unter diversen Zipperlein litt (man kriegt z.B. Hüftgelenksschmerzen, wenn man gleichzeitig auf der Seite liegen und die Beine hochlegen muss!). In den Wochen vor der Entbindung schlief ich ca. 2 Stunden pro Nacht, weil es mich am ganzen Körper juckte und ich mich wachkratzte. Die unheilvolle Wahl von George W. Bush habe ich life am Fernsehen verfolgt – mitten in der Nacht.

Natürlich konnte ich nach der Schwangerschaft auch nicht viel schlafen. Denn obwohl mein Mann mich unterstützte und wir uns die Nächte teilten (Stillen war nicht möglich), konnte ich nicht mal dann schlafen, wenn ich dran war, denn ich war trotz bleierner Müdigkeit viel zu aufgedreht und hektisch. Viele Jahre schlief ich mit Ohropax, weil ich vom kleinsten Geräusch wach wurde.

Weil ich so dünnhäutig war, fand ich alles anstrengend, konnte mich nicht entspannen und wertete mich dafür oft auch noch ab. Zudem dachte ich damals auch noch, ich müsse Anwältin sein und meine Kanzlei aufbauen, und so hing ich zwischen unterschiedlichen “Du solltest”, die ich mir selbst auferlegt hatte: Du solltest eine gute Mutter sein. Du solltest eine gute Anwältin sein. Du solltest dich mehr entspannen. Du solltest dich mehr anstrengen. Und und und. Das ist genug, um ein Pferd umzubringen.

Die Kinder wurden größer, spielten miteinander, und ich hätte ja durchaus mal mitspielen können – und darum baten sie mich auch. Tat ich aber fast nie. Denn Spielen langweilte mich. Manchmal zwang ich mich, mit ihnen Sandkuchen zu backen, aber meist war ich der administrative Part der Familie: Kochen, waschen, füttern, aufräumen. Auch Vorlesen war sehr anstrengend: Wenn ich Findus & Petterson vorlas, schlief ich bereits auf der zweiten Seite fast ein. Mein Mann auch. Häschenschule ging besser, weil das in Reimen geschrieben ist (scheint so ein Atemdings zu sein). Was mir manchmal Spaß machte, war, Stofftiere zu beleben, aber auch das nicht so oft. Für den Spaß war mein Mann zuständig: Er fuhr mit ihnen im Anhänger an den Bach, um Steinchen dort reinzuwerfen, sie fuhren zu den Hühnern und fütterten sie mit Brot, oder zu den Pferden, die sie mit Gras fütterten. Wenn ich mit ihnen zum Spielplatz ging, war ich nie in der Lage, die Welt wirklich durch ihre Augen zu sehen.

Ich konnte einfach nie die Gegenwart genießen. Ständig wartete ich auf etwas, von dem ich nicht wusste, was es eigentlich war. Ich sehnte mich nach der Zukunft, in der alles besser würde. Wenn die Kinder selbstständiger sein würden.

Jetzt ist diese Zukunft Gegenwart geworden, und ich kann sie wieder nicht genießen, weil ich mich nach der Vergangenheit zurücksehne! Meine Kinder sind mit ihren 13 Jahren unerwartet schnell selbstständig, und ich könnte mich endlich ohne Schuldgefühle den Dingen zuwenden, die mich interessieren, aber ich kann es nicht genießen, weil ich ständig damit beschäftigt bin, traurig zu sein, dass meine Kinder groß sind. Im letzten Jahr hat es angefangen, dass sie nach uns ins Bett gehen – mittlerweile sogar unter der Woche. Man kann muss sie also nicht mal mehr ins Bett bringen! Sie erzählen nicht mehr alles wie früher. Sie sind ständig in ihren Zimmern, skypen mit ihren Freunden oder lesen.

Und ich leide wie ein Hund, weil ich zu wenig Kontakt zu ihnen habe. Ich habe mich früher so darauf gefreut, ihnen später vieles von dem zeigen zu können, was mich interessiert – und nun geht es wieder nicht, weil es sie nicht interessiert. Wenn ich ins Zimmer komme, schauen sie mich an wie ein Chef, der von seiner Sekretärin gestört wird. Beziehungsweise schaut T1 nicht einmal auf, weil sie in der Lage ist, gleichzeitig zu chatten und mir zuzuhören. Für mich, die ich das nicht kann, sieht das aus wie Desinteresse. Wir haben das besprochen, und ich habe gesagt, dass ich mehr Verbindung brauche, und mein liebes Kind (das meine ich nicht ironisch) sagte: “Ich fühle mich sowieso mit euch verbunden, deswegen muss ich nicht ständig mit euch reden.” Konnte ich verstehen. Geholfen hat es mir allerdings nicht.

Meine Töchter pubertieren nicht mal besonders schlimm: T1 ist seit einigen Wochen in einem Bewusstseinszustand, in dem sie nicht nur sich selbst liebt, sondern alle Menschen. Das ist nicht nur ein Verhalten, sondern ein Sein. Was ich in vielen Jahren spiritueller Entwicklung nicht hingekriegt habe, ist ihr einfach so in den Schoß gefallen. Sie lästert nicht mehr und streitet auch kaum noch mit ihrer Schwester. Die Kehrseite dieses Bewusstseinszustandes ist allerdings, dass es ihr auch am Popo vorbeigeht, ob ich irgendwas doof finde. Sie ist völlig bei sich und sagt nur freundlich, aber unbeteiligt sowas ähnliches wie: “Tja, Pech.” Einerseits bewundere ich sie dafür, andererseits fühle ich mich hilflos, weil die alten Werkzeuge nicht mehr funktionieren.

T2 pubertiert ein bisschen mehr, aber noch ist es total im Rahmen. Keine von beiden “mädelt” oder zickt rum, keine schminkt sich, und beide haben einen festen Stamm von netten Freunden mit sympathischen Eltern.

Es ist so banal, aber ich leide darunter, dass meine Kinder schneller groß werden als ich gedacht hatte. Ich denke an die vielen Situationen, in denen ich hätte ihre Kindheit genießen können und es nicht getan habe und komme mir vor, als sei ich in einem Urlaub am Meer gewesen und wäre nicht ein einziges Mal im Wasser gewesen. Und das ist so traurig, dass ich permanent darüber weinen könnte.

Das nachfolgende Lied “Slipping Through My Fingers” aus Mamma Mia! beschreibt meinen inneren Zustand sehr gut (aber zum Glück heiraten meine Kinder noch nicht morgen):

Ich verstehe jetzt auch, warum so viele Menschen noch ein Kind bekommen, wenn die vorhandenen schon groß sind: Sie wollen es diesmal besser machen. Ich bin aber jetzt 46 und will nicht nochmal von vorne anfangen. Außerdem will ich auf dem Spielplatz nicht als Oma angesprochen werden.

Wenn also jemand von Ihnen/euch mir etwas Aufbauendes sagen kann, nur her damit.