Als ich frisch gebackene Mutter war, hatte ich naive Vorstellungen davon, wie Erziehung funktioniert. Ok, ich wusste, dass Kinder nicht das lernen, was man ihnen sagt, sondern nur das, was man ihnen vorlebt, aber ich hatte immerhin Hoffnung, dass sie wenigstens das dann wirklich lernen.

Heute, mit zwei 13jährigen Töchtern, kann ich anderen Eltern nur sagen: Es ist reine Glücksache. Versucht, was ihr könnt und seid dann einfach gespannt, was hängenbleibt.

Da ist z.B. das Essen: Da uns Eltern gesunde Ernährung wichtig war, aßen wir in den ersten Jahren meiner Kinder nur Vollkornbrot. Aufs Brot wollten sie am liebsten Nutella (das ich irgendwann durch Samba ersetzt habe) oder Wurst (meist Bio-Wurst vom Aldi). Aber später haben sich die Kinder geweigert, Vollkornbrot zu essen. Seitdem haben wir zwei Sorten Brot zu Hause (meist vom Bio-Bauernhof), und meine Kinder essen fast immer die ungesundeste verfügbare Variante.


K1 hat die meisten Gemüsesorten gehasst und sich früher am liebsten von Fleisch und Beilagen ernährt. Das mit dem Fleisch ist jetzt zum Glück vorbei – aber das war nur insofern mein Verdienst, als ich es war, die das Buch „Tiere essen“ ins Haus gebracht habe. Gelesen hat es K1 freiwillig im Urlaub (mit fast 12), und vermutlich nur, weil sie ihre eigenen Bücher schon durch hatte, aber zumindest ist sie seitdem Vegetarierin. Auch K2 ist Vegetarierin, allerdings dauert es bei ihr etwas länger, denn sie hat „Tiere essen“ nicht gelesen. Aber immerhin ist auch sie freiwillig Vegetarier (was bedeutet, sie isst auch dann kein Fleisch, wenn ich nicht dabei bin). Aber leider sind meine Kinder eher Pudding-Vegetarier: Sie mögen viele Gemüsesorten nicht (jedes Kind mag andere), und ich kann ja schließlich nicht immer Zucchini kochen (im Winter sind die z.B. schweineteuer!). Nudeln mit Tomatensoße ist hingegen ein Gericht, das man täglich essen kann (irgendwann werden sie vermutlich unvermittelt nur noch Italienisch sprechen).

Aber trotzdem würde ich sagen, das mit der Ernährung hat einigermaßen geklappt. Man ist schon mit wenig zufrieden.

Gute Tischmanieren haben wir nämlich z.B. nicht durchsetzen können: K2 häuft sich immer noch den Teller voll und schafft dann nur die Hälfte. Beide Kinder rülpsen wie mittelalterliche Kutscher, gerne auch mehrmals hintereinander. Häufig erschrecke ich mich und schimpfe, aber sie machen es trotzdem. Schmatzen ist weitgehend verpönt, aber ganz haben wir es nicht ausrotten können: K2 beruft sich auf einen guten Freund, der meint, das Essen schmecke besser, wenn man schmatzt. Ok, ihm und K2 wohl schon, aber mir dann nicht mehr. Und die Körperhaltung beim Essen? Mein Mann wurde noch so gedrillt, dass er beim Essen aussieht wie ein Tyrannosaurus Rex (zwei Servietten, die man unter die Arme klemmt, dürfen nicht runterfallen!), aber meine Kinder sitzen da wie zwei Bauer, und manchmal wird noch ein Bein angewinkelt. Ich sag aber nicht immer was, weil es mich anödet, ständig die Exekutive raushängen zu lassen.

Was mich bei dem Thema beruhigt, ist die Tatsache, dass ein Freund neulich sagte, sein Erziehungserfolg bei Tisch sei, dass seine Söhne (auch in der Pubertät) es nicht mehr angewidert laut aussprechen, wenn ihnen das Gericht scheiße schmeckt. Mehr habe er nicht erreicht.

Das mit dem Aufräumen hat sich seltsam entwickelt: Als die Kinder noch ein Zimmer gemeinsam hatten, waren sie sehr unordentlich. K1 wäre ordentlich gewesen, aber sie wollte natürlich nicht alles allein machen. Es gibt ein Video, auf dem K1 dreijährig mit Hilfe des Schäfchens (oder war es der Hasi?) tapfer aufräumt, während K2 eingehend ein Buch untersucht und sich anderen wichtigen Dingen zuwendet.

Seit jedes Kind sein eigenes Zimmer hat, war daher K1 auch erst sehr ordentlich und K2 erwartungsgemäß ein Messie. Aber alles änderte sich, als K2 vor ca. zwei Jahren das Computerspiel Sims haben wollte.  Wegen der Suchtgefahr dieses Spiels hatte  ich ihr einen Knebelvertrag aufgezwungen, der neben anderen Punkten beinhaltete, dass sie 1x pro Woche 30 Minuten spielen darf, wenn sie vorher ihr Zimmer aufgeräumt hat. Das hat geklappt.

Obwohl das Spiel gar nicht mehr soo der Burner ist (zwischenzeitlich hatten wir die Zeit mal auf eine Stunde ausgedehnt, und dann wieder gekürzt – aber das ist ein anderes, eher unerfreuliches Thema), ist K2 mittlerweile die Ordentlichere und saugt sogar von selbst Staub (!) in ihrem Zimmer. In den Ecken sammelt sich immer noch Zeugs, und von den Wollmäusen unter dem Bett und der seit Wochen ungefalteten frischen Wäsche auf dem Stuhl sehen wir mal ab, aber oberflächlich gesehen ist das Zimmer aufgeräumt.
K1 hat zwar den Boden frei, stapelt aber überall frische und schmutzige Wäsche und anderen Kram an den Rändern, setzt sich auf ihre Klamotten (frisch oder alt), sammelt Geschirr und lüftet nie. Man kann nicht gut in dieses Zimmer gehen. Soll man aber auch gar nicht.

Aber ich würde trotzdem sagen, das Zimmeraufräumen hat funktioniert. Denn ich weiß von Kindern, in deren Zimmern es nicht einmal einen Trampelpfad gibt.

Was langfristig aber überhaupt nicht geklappt hat, ist das Ins-Bett-gehen. Bis meine Kinder ungefähr halb zwölf waren, war es noch möglich, sie unter der Woche um 22:00 ins Bett zu schicken. Mittlerweile geht K1 ins Bett, wann sie will (mal um 22 Uhr, manchmal aber auch erst um 2 Uhr), aber sie kommt wenigstens von selbst heraus und ist genießbar – das hat sie vom Vater.

K2 würde niemals vor 1 Uhr ins Bett gehen. Manchmal wird es auch 3:00, denn vorher muss sie noch lesen (die meisten Bücher liest sie fünfmal) oder an einer Geschichte weiterschreiben. Alle Versuche meinerseits, sie zur Vernunft zu bringen („Du kommst doch morgen nicht aus dem Bett!“) sind schon lange gescheitert, denn sie wird sofort wütend und wirft mich aus dem Zimmer. Wenn am nächsten Morgen der Radiowecker singt, hört sie das nie (das hat sie von mir), und so hängt es vom Vater ab, wann sie aufsteht. Da dieser auch noch was anderes zu tun hat, als 5x sein Kind aufzuwecken, verschläft sie manchmal. Und wenn sie dann aufsteht, hat sie den Charme eines ungarischen Hornschwanz-Drachens (Harry Potter-Fans wissen Bescheid, Hobbit-Fans können hier „Smaug“ einsetzen).

Ich gehe ihr fast immer weiträumig aus dem Weg. Wenn ich unvorsichtigerweise das Wort an sie richte, und sei es auch noch so freundlich, werde ich sofort bestraft: Mal mit eisiger Ironie, mal faucht sie mich an. Wenn ich ebenfalls noch sehr müde bin (ich brauche zwei Wecker zum Aufwachen, und der zweite ist mein Handy, das weit weg liegt und so lange „Dancing Queen“ plärrt, bis ich aufstehe, um es auszuschalten), kann es zu schlimmen Wortgefechten zwischen uns kommen. Manchmal mache ich mir dann den ganzen Tag Vorwürfe.

Heute Morgen sagte sie leise „Sag nichts“ – und ich hielt mich weitestgehend daran. Ok, irgendwann konnte ich es mir nicht verkneifen, zu fragen, wann sie geschlafen hat, und sie versetzte: „Das geht dich nichts an.“ Weil sie die Augen immer noch halb geschlossen hatte, war ich dann endlich still und verlangte nicht auch noch, dass sie sich mal wieder waschen sollte. Man hängt ja schließlich an seinem Leben.

Und was wirklich total in die Hose gegangen ist, ist die Reinlichkeitserziehung, und das wundert mich am meisten. Als meine Kinder klein waren, war es ein tägliches Ritual, sich abends zu baden, und diese schöne Phase dauerte, bis sie ca. 11 waren (später duschten sie nur noch). Sie sehen auch ihre Eltern täglich duschen. Man sollte meinen, bis dahin sei das regelmäßige Benetzen des Körpers mit Wasser eine fest installierte Gewohnheit, die nicht mehr so leicht aus dem Gehirn verschwinden könne. Bei mir war das jedenfalls so. Aber nichts könnte ferner liegen! Einmal in der Woche Duschen/Baden scheint vollkommen zu genügen (und wenn man es mal nicht schafft, kann man ja mit Parfum nachhelfen), und Haare sehen fettig auch gar nicht sooo schlimm aus, wenn man einen Zopf macht (schmusen kann man ein Kind, dessen fettige Haare einem genau vor der Nase hängen, allerdings nicht). Ich muss auch gerade lernen, dass man Klamotten 1-2 Wochen lang anziehen kann, ohne sich zu waschen. Wenn man sich lange nicht wäscht, riecht man auch nach dem Waschen noch nach Schweiß. Und Klamotten, die Kunstfaser enthalten, riechen ebenfalls nach dem Waschen noch danach. Letztens hat K1 ein T-Shirt aus diesem Grund weggeworfen.

Das ist alles nicht schön, vor allem, weil ich sehr geruchsempfindlich bin.

Aber ich habe es aufgegeben zu schimpfen und ihnen zu drohen, denn es belastet nur die Beziehung. Und bestrafen tue ich meine Kinder sowieso nicht.

Zähneputzen funktioniert übrigens: Egal, ob K2 erst im Morgengrauen ins Bett geht, sie putzt ihre Zähne. K1 ist nicht ganz so diszipliniert. Naja, aber fast.

Wer jetzt denkt, ich sei auf einer Skala von 1-10 (1=totale Anarchie, 10=Diktatur) eher im unteren Drittel anzusiedeln, der irrt sich. Unter allen Eltern, die ich kenne, bin ich eher eine 7. Ich kenne Eltern, die ihren Kindern erlauben, zu acht (!) im Wohnzimmer (!) eine Movie-Night zu veranstalten, die bis nach 15 Uhr dauert und über zehn Filme beinhaltet (K1 nahm daran teil und ging vorzeitig um 15 Uhr, nachdem sie die ganze Nacht wach gewesen waren).

Was ich derzeit erfahre, hat sehr viel mit Loslassen von Kontrolle zu tun. Ich kann meinen Kindern meine Werte nicht aufzwingen. Ich kann nur mein eigenes Verhalten ändern und z.B. Serviceleistungen einstellen. Zum Beispiel habe ich eingeführt, dass jeder die Wäsche in seinem Zimmer sammelt und selbst in die Waschküche bringt, damit ich weniger sortieren muss. Beim Abendessen darf nur in seltenen Ausnahmefällen gesimst werden, und wenn es angeblich unbedingt nötig ist, will ich den Grund wissen. Aber ich kann einen 13jährigen Menschen nicht zum Waschen zwingen, denn ich müsste ja aktiv Gewalt anwenden, und dabei käme ich mir a) bescheuert vor und b) würde das die Beziehung extrem belasten. Was ich mache, wenn eine von meinen Töchtern stinkt wie ein Penner, ist, dass ich sie aus dem Raum schicke oder meinerseits ihr Zimmer verlasse.
Wer auch gerade Kinder in der Pubertät hat und nur mit Mühe diese Phase durchsteht, dem empfehle ich das Buch von Jesper Juul: “Pubertät – wenn Erziehen nicht mehr geht”.

Das ist eine sehr herausfordernde Zeit, aber es fühlt sich richtig an, sie immer mehr loszulassen. Ich hoffe einfach, dass sich das mit dem Waschen und dem Ins-Bett-gehen durch die „normative Kraft des Faktischen“ irgendwann wieder einrenkt.