Foto von Andriy Popov (123rf.com)

Was ist wahr an Corona?

Im Internet kann man behaupten, was man will. Außer, es betrifft Corona.

Ich will gar nicht einsteigen in die inhaltliche Diskussion, wieviel die Maskenpflicht wirklich nützt, ob die erhöhten Fallzahlen nur darauf beruhen, dass mittlerweile wöchentlich 900.000 (!) PCR Tests durchgeführt werden, ob der PCR-Test wirklich aussagekräftig ist und ob er überhaupt ordnungsgemäß durchgeführt wird. Denn das fliegt mir sowieso nur um die Ohren. Was mich aber sehr alarmiert, ist der Umgang mit “der Wahrheit”. Es gibt jetzt nämlich nur noch eine – zumindest im Zusammenhang mit COVID 19. Und obwohl ich ein Wahrheitsapostel bin, möchte ich nicht, dass eine Regierung mir eine absolute, faktenbasierte Wahrheit präsentiert, die ich einfach nur schlucken muss. Ich möchte die Vielfalt, möchte selbst entscheiden, wem ich glaube. Ich möchte, dass auch durchgedrehte Spinner ihre Meinung sagen dürfen und bekloppte, reißerische Videos veröffentlichen können, die ich mir nie anschauen würde. Denn die Alternative, nämlich dass es ein Gremium geben könnte, welches entscheidet, was wahr ist und was nicht, macht mir richtig Angst. (Aber nur um das klarzustellen: Von Bots generierte Artikel, die womöglich sogar vom Ausland gesteuert werden, um Meinungen zu steuern, will ich natürlich auch nicht! Hier wäre ich mit einer Kontrolle tatsächlich einverstanden.)

Diese Grafik habe ich gestern zum ersten Mal in Facebook gesehen.

Zwar habe ich schon öfter gehört oder gelesen, dass Youtube Beiträge entfernt habe, aber ich habe das bisher noch nie mit eigenen Augen gesehen. Das Video, das hier geteilt wurde, kann man weiterhin anschauen, aber erstens muss man darauf erstmal kommen, zweitens ist die Glaubwürdigkeit für den unbedarften Leser ja schon dadurch erschüttert, dass das Video mit der Information eingerahmt wird, dass es teilweise falsche Informationen enthalte. Drittens befindet sich unterhalb des Videos, wenn man es angeschaut hat, folgendes Fenster:

und man wird zu https://correctiv.org/ geleitet, einer Website, die Recherchen für die Gesellschaft betreibt und die das auf Facebook geteilte Video auf seinen “Wahrheitsgehalt” hin analysiert und teilweise widerlegt.

Und selbst wenn ich absolut arglos wäre gegenüber den Maßnahmen zur Eindämmung von COVID 19, wäre spätestens jetzt mein tiefes Misstrauen geweckt. Ich weiß zwar nicht, wer letztlich wirklich dahinter steckt, dass die überwiegende Zahl der Länder dieser Erde in Bezug auf COVID 19 so gleichgeschaltet sind, aber wenn jemand festlegt, was die Wahrheit ist, dann ist das für mich ein Alarmsignal.

Wo bin ich politisch zu verorten?

Da man heutzutage ganz schnell zu den braunen Schmuddelkindern sortiert wird, weise ich drauf hin, dass ich durch und durch grün bin, mich sehr für Umweltschutz einsetze und z.B. Plastik spare, wo es geht, auch wenn das mit hohen Kosten verbunden ist. Ich bin für eine multikulturelle Gesellschaft, das bedingungslose Grundeinkommen, befürworte die Homoehe und erkenne auch die Bundesrepublik als souveränen Staat an. Nur damit das klar ist.

Wer festlegen kann, was die Wahrheit ist, hat die Macht.

Um Macht über Menschen zu erhalten, muss man ihnen Angst machen. Denn wenn Menschen starke Angst haben, funktioniert der Neocortex nicht mehr so gut. Infolgedessen wehren sie sich nicht und gehorchen leichter. Dafür ist es wichtig, dass ein ernstes Bedrohungsszenario über sämtliche verfügbaren Medien immer wieder heraufbeschworen wird. Die Machthabenden lenken die jeweilige Bevölkerung durch die Informationen, die sie zur Verfügung stellen. Sie bestimmen die Richtung: Angst vor der Hölle oder dem Jüngsten Gericht (katholische Kirche), Angst und Ekel vor einer bestimmten Bevölkerungsgruppe (Drittes Reich), Angst vor Folter und Sippenhaft (Nordkorea), Angst vor einem äußerst gefährlichen Virus – um nur wenige Beispiele zu nennen.

Die Angst kann meist nicht auf einmal installiert werden, sondern die angsterzeugende Information muss über mehrere Kanäle viele Male wiederholt werden. Denn bevor wir unser Denken und Verhalten ändern (und z.B. ohne zu mucken eine Maske tragen, wenn wir ein Geschäft betreten), müssen unsere Gedanken bzw. Überzeugungen geändert werden. Lange bevor Fernsehen, Radio oder gar Internet erfunden wurden, bediente man sich schriftlicher Nachrichten, die von der Obrigkeit durch berittenen Boten verteilt wurden (“zidunge”). In der Kirche hat die Angsterzeugung funktioniert, indem man aufgrund des sozialen Drucks jeden Sonntag in den Gottesdienst ging und dort seine Dosis abholte.

Propaganda in Wort, Bild und Ton

Um eine bestimmte Vorstellung stabil zu etablieren, ist es hilfreich, viele Medien zu nutzen, damit die Menschen einen lückenlosen Erlebnisteppich zur Verfügung haben, der keine kritischen Gedanken durchlässt. Schon im Ersten Weltkrieg wurden z.B. in der k.u.k-Monarchie Künstler verpflichtet bzw. gewonnen, im Kriegspressequartier (KPQ) “die für die Gegenwart wirksame Propaganda im In- und Ausland, um die Leistungen der Wehrmacht in das rechte Licht zu rücken,…”. (Wikipedia-Artikel). Die Maler und Fotografen hatten den Krieg so abzubilden, wie die Bevölkerung ihn sehen sollte, damit die Moral aufrecht erhalten und Unruhen vermieden würden.

Im Dritten Reich gab es in Joseph Goebbels sogar einen eigenen Minister für Propaganda. In Bild und Ton wurden nicht nur Bedrohungen inszeniert, die nicht existierten, sondern es wurden auch Bedrohungen verheimlicht, die sehr wohl existierten (Vergasung der Juden).  Theresienstadt, das Vorzeige-KZ der Nazis wurde in einem Dokumentarfilm so beschaulich wie ein Erholungsheim dargestellt:

Wenn eine “Wahrheit” einmal etabliert ist, muss sie gegen Gegner geschützt werden.

Mit heiteren Filmen wurde im Dritten Reich für gute Stimmung gesorgt, mit düsteren wurde die Bevölkerung auf den Krieg eingeschworen, indem die Feinde (Juden, Engländer, Russen, Polen etc.) so negativ wie möglich dargestellt wurden. Da man mit einer neuen Wahrheit am besten auch bei den Kindern ansetzt, die ja erfreulicherweise sehr leichtgläubig sind, waren die Schulen natürlich ebenfalls gleichgeschaltet, indem die Lehrpläne “angebräunt” worden waren. Und in der Freizeit nordete man die Kinder mit dem Bund Deutscher Mädchen bzw. der Hitlerjugend ein. Und wer, wie z.B. die Untergrundbewegung “Die Weiße Rose” durch Flugblätter auf das Unrecht des Nazi-Regimes hinwies oder öffentlich sagte, der Krieg könne nicht gewonnen werden, konnte wegen Wehrkraftzersetzung mit dem Tod bestraft werden oder kam mindestens ins Gefängnis oder Zuchthaus.

In der nach Kriegsende gegründeten DDR wurden die Erkenntnisse aus der Verwendung von Propaganda weiter genutzt und verfeinert. Gegenstand der geschürten Angst waren diesmal nicht die Juden, sondern der kapitalistische Klassenfeind, gegen den ja sogar ein antifaschistischer Schutzwall errichtet wurde, damit die Bevölkerung nicht stiften ging (“Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten”). Indem die Stasi jeden per Zwang zum informellen Mitarbeiter machte, bei dem sie eine Leiche im Keller fand, hetzte man sogar die Menschen gegeneinander. Diese gut organisierte Form der gegenseitigen Bespitzelung führte dazu, dass man eigentlich niemandem mehr trauen konnte, nicht mal in der eigenen Familie. Schon wenn man Westfernsehen schaute, war man in Gefahr – wie vorher im Zweiten Weltkrieg mit den Feindsendern. Die Hitlerjugend wurde gegen “angerötete” Jugendorganisationen ausgetauscht, die Lehrpläne wurden entsprechend geändert. Die Parolen, mit denen der neue Staat stabilisiert werden sollten, hingen überall, denn schließlich musste ein völlig neues Weltbild etabliert werden, das in seinen Inhalten diametral dem Faschismus gegenüber stand.

Und heute? In Deutschland haben wir natürlich noch keine Diktatur. Aber wir haben eine absolute Wahrheit, die mit immer mehr Mitteln verteidigt wird: “COVID 19 ist eine Pandemie, die vielleicht so gefährlich ist wie die Spanische Grippe. Menschen jeden Alters können daran sterben, daher dürfen wir uns auf unabsehbare Zeit einander nicht mehr nähern, sonst sind wir am Tod unschuldiger Menschen schuld”. Stellen Sie sich mal vor, Sie hätten 2019 viele Menschen gesehen, die eine Gesichtsmaske tragen – Sie hätten gedacht, die hätten alle “einen an der Waffel”! Corona beherrscht so sehr alle unsere Nachrichten, dass lange Zeit keine anderen Themen mehr eine Chance hatten. Weil unsere Überzeugungen über einen längeren Zeitraum kontinuierlich geändert wurden, setzen wir heute Masken auf, halten Abstand, umarmen einander nicht mehr. Und jeder hat Angst: Angst vor dem Virus. Angst voreinander. Angst, jemanden anzustecken. Angst vor Überwachung.

Was der propagierten Wahrheit gefährlich werden könnte, wird verboten oder diskreditiert.

Es gibt zum Thema Corona keinen Pluralismus – fällt Ihnen das nicht auch auf? Die Medien sind gleichgeschaltet; seit wir unter dem Corona-Virus leiden, gibt es keinen kritischen Journalismus mehr. Satire und Comedy richten sich nur noch gegen “Verschwörungstheoretiker”, nicht mehr gegen die Regierung. Die Diskussion wird absichtlich emotionalisiert; wer sich kritisch äußert, wird diffamiert, Videos werden von Youtube entfernt, auf Facebook werden sie als Falschmeldung kenntlich gemacht, in Diskussionen auf Facebook wird erbittert mit Dreck geworfen, Freundschaften zerbrechen.

Die Bevölkerung hat sich in zwei Lager gespalten: Es gibt die Mehrzahl der Gesundheitsapostel, die der Hofberichterstattung ergeben folgen. Einige davon sind mir im Grunde sympathisch (ich wähle schon immer die GRÜNEN), und auch einige Freunde und Verwandte von mir gehören zu diesem Lager. Auf der anderen Seite stehen die Zweifler und deren Anhänger, z.B. Dr. Sucharit Bhakdi, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, emeritierter Professor der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und von 1991 bis 2012 Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Dr. Harald Walach, klinischer Psychologe, Wissenschaftstheoretiker und -historiker, leitete von 2010 bis 2016 das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften IntraG an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Dr. Bodo Schiffmann, Spezialist für Schwindelanfälle & Leiter der Schwindelambulanz Sinsheim, mehrfach ausgezeichnet als Top-Mediziner, Dr. Wolfgang Wodarg, der 2010 im Zusammenhang mit der Schweinegrippe von der ZEIT noch sehr ernstgenommen worden war.

Auf Youtube habe ich ein ziemlich gutes Video von Raphael Bonelli, einem österreichischen Psychiater gefunden, der die beiden entstandenen Lager (Gesundheitsapostel und Freiheitskämpfer) paartherapeutisch betrachtet. Er bemängelt unter anderem, dass es zwischen diesen beiden Lagern ein Machtgefälle gebe: Die Gesundheitsapostel hätten das Sagen, und die Freiheitskämpfer würden bestraft, wenn sie nicht gehorchten. Die Freiheitskämpfer würden von den Gesundheitsaposteln nicht ernstgenommen, und letztere würden für sich in Anspruch nehmen, die absolute Wahrheit zu kennen und könnten sich nicht relativieren (das Foto ist schrecklich):

Und das ist genau, was auch ich anprangere: Wenn jemand etwas Kritisches veröffentlicht, wird es direkt abgeschmettert, und die Person wird diskreditiert, weil sie diese Meinung vertritt. Damit ist das System konsistent und hermetisch. Zweifel werden nicht zugelassen. Ich kann mich an keine Situation in meiner Lebenszeit erinnern, wo das in der Demokratie schon einmal so war. Es erinnert mich an Harry Potter V, und ich finde es äußerst bedrohlich.

Die Corona-Gegner setzen sich aus vielen Gruppen zusammen, Linken und Rechten, Reichsbürgern und Verfassungstreuen, Heilpraktikern und Ärzten sowie anderen Akademikern, aber natürlich auch Menschen mit mittlerer Schulbildung. Die Gruppe ist sehr divers, aber in den Medien werden alle in einen Topf geworfen. Und das hat natürlich Methode, denn in einem Filmbeitrag über eine Demonstration in der Tagesschau macht ein abgedrehter Spinner natürlich medial mehr her als ein sich ruhig und besonnen verhaltender Arzt. So wird der Bevölkerung suggeriert, dass nur Spinner und Rechte gegen die Corona-Maßnahmen sind, und dass man ein ebensolcher Spinner wird, wenn man sich dieser Bewegung anschließt.

Reale Bedrohungen werden nicht als gefährlich erlebt, wenn sie in den Medien nicht entsprechend aufbereitet werden.

Es geht übrigens auch umgekehrt: Schon seit vielen Jahren warnen Wissenschafter davor, dass wir auf einen massiven Klimawandel zumarschieren, der massive Auswirkungen auf das menschliche Leben hat. Aber die arme Greta Thunberg kann sich in ihren Sitzstreiks so oft den Hintern abfrieren und so oft in Tränen aufgelöst Reden halten, wie sie möchte – der Klimawandel ist in den Medien noch lange keine reale Gefahr. Er wird zwar immer wieder in politischen Magazinen thematisiert, aber es werden nicht in den Nachrichten konkrete Warnungen ausgesprochen oder unter Bußgeldandrohung Verhaltensregeln eingefordert. Wenn der Klimawandel wirklich so stattfinden würde, wie er von Wissenschaftlern und Greta befürchtet wird, dann wären unverzüglich umfangreiche Maßnahmen erforderlich – so wie die Schwedin es ja auch fordert. Denn die Auswirkungen würden eine deutlich größere Gruppe von Menschen betreffen als der Corona-Virus. Aber es passiert fast nichts. Nur weil es zufällig Corona gibt, ist der Flugverkehr zum Erliegen gekommen – woran man sieht, dass es durchaus möglich ist, wenn man will. Aber in der Bevölkerung wird in Bezug auf den Klimawandel keine Angst geschürt. Es wird nicht der öffentliche Nahverkehr ausgebaut, damit möglichst wenige Menschen mit dem Auto fahren müssen. Es wird nicht der Kohleausstieg beschleunigt. Kreuzfahrten werden zwar abgesagt, aber nur wegen Corona. Wegen des Klimawandels war das bisher nicht angedacht.

Und man darf den Klimawandel auch leugnen, ohne dass man diffamiert wird. Entsprechende Videos werden nicht entfernt oder mit dem Hinweis versehen, dass die Informationen teilweise falsch sind.
Und das ist Pluralismus.

Fazit: Bleiben Sie wachsam. Und haben Sie Verständnis.

Vielleicht gibt es unter “Corona-Gegnern” einige gewissenlose Menschen, die das Virus instrumentalisieren, um Unruhen zu schüren. Aber es gibt viel mehr, die sich einfach wundern und die Situation seltsam finden: Warum darf man maskiert dicht an dicht zehn Stunden im Flugzeug sitzen, aber nicht zwei Stunden im Kino oder im Theater? Warum muss man in Belgien bei starkem Wind am Strand eine Maske tragen? Warum gibt es keinen kritischen Journalismus mehr? Warum werden Schiffmann, Bhakdi und Wodarg nicht ernstgenommen, obwohl es Mediziner sind? Ich finde, in einer Demokratie muss man solche Fragen aushalten (und idealerweise sogar beantworten), ohne den Fragenden zu steinigen.