Michaela Albrecht

Am Samstag hatte ich Klassentreffen bzw. traf sich die ganze Abiturjahrgangsstufe.  Einige meiner Mitschüler sind Lehrer geworden. Und weil meine Kinder eine alternativpädagogische Schule besuchen, diskutierten wir natürlich über Schule, was sie leisten muss und soll und überhaupt. Und wieder einmal hörte ich das Argument, es nütze nichts, wenn man erst jahrelang in Watte gepackt werde, weil einem nach der Schule im wirklichen Leben ja irgendwann doch der eiskalte Wind ins Gesicht wehe.

Da ich dieses Statement immer höre, wenn ich mit Regelschul-Eltern oder -Lehrern spreche und nie Gelegenheit habe, die Diskussion mal zu Ende zu führen, nutze ich jetzt meinen geduldigen Blog dafür. 🙂
Denn das Thema liegt mir wirklich am Herzen, weil es mich schmerzt, wie mit Kindern an normalen Schulen umgegangen wird.

Zunächst ergeben sich mehrere Definitionsfragen: 1) Worin besteht eigentlich in unserer Schule die „Watte“? 2) Was ist das „wirkliche Leben“ und der „eiskalte Wind“?
Bereitet die Regelschule Kinder wirklich so aufs Leben vor, dass sie dem eiskalten Wind gewachsen sind?

Fangen wir mit der Watte an. Man könnte es als Watte bezeichnen, dass Kinder an unserer Schule ihren Tag selbst strukturieren. Die Schule umfasst incl. Kindergarten ca. 80 Kinder. Der Unterricht besteht in Angeboten, an denen die Kinder teilnehmen können oder auch nicht, z.B. Englisch, Französisch, Physik, Mathe. Und sie können spielen, malen, lesen, turnen, kochen, backen, Musik machen, Theaterstücke oder Tänze einüben, mit Lego- oder Kaplasteinen  bauen usw.Natürlich werden sie nicht benotet, schreiben keine Tests und bekommen keine Hausaufgaben. Wenn sie Konflikte miteinander haben, werden diese intensiv von Erwachsenen begleitet. Sie werden ernst genommen, ihr Stolz wird nicht gebrochen, und sie werden in Entscheidungen miteinbezogen.  Sie werden nicht bewertet oder mit anderen Kindern verglichen.

Was für Kinder kommen heraus, wenn sie derart „in Watte gepackt“ werden? Auf jeden Fall keine lebensuntüchtigen oder verweichlichten. Alle Kinder, die ich aus dieser Schule näher kenne, sind sehr selbstbewusst, klar und mit sich verbunden. Ich kenne keinen Schüler, der „deutlich pubertiert“, obwohl einige schon 15 sind. Die Mädchen sind nicht aufgebrezelt, und keiner ist in Facebook. Manche sind ruhig, andere lebhaft, aber alle sind irgendwie – anders als Regelschulkinder. Sie wissen, was sie wollen und verfügen über eine hohe Sozialkompetenz.

Was ist das „wirkliche Leben“? Diese Frage wird jeder Mensch je nach Neigung, Bildungsniveau, Herkunft, Religionszugehörigkeit etc. unterschiedlich beantworten.  Der eine versteht unter dem wirklichen Leben eine Tätigkeit bei Opel am Fließband, die andere macht ein BWL-Studium und dann eine Karriere in der Pharmaindustrie, die dritte kommt in schlechte Gesellschaft, wird drogenabhängig und geht auf den Strich (und das wäre in meinen Augen “eiskalter Wind”), der vierte steigt widerwillig in die Firma seines Vaters ein und bekommt ein Magengeschwür. Und so weiter.

Das wirkliche Leben ist für jeden anders, und wie es für jeden auftaucht, hängt von seiner Biografie ab, denn wir ziehen unbewusst immer die Ereignisse und Menschen an, die unseren Erwartungen und Prägungen entsprechen. (Siehe hierzu auch den Blogartikel „Radikaler Konstruktivismus“ http://www.woerterfall.de/blog/ post.php?post=1549&action=edit.) Es ist also nicht möglich und auch nicht nötig, Menschen auf das „wirkliche Leben“ vorzubereiten, denn dieses entfaltet sich sowieso, und wenn es da ist, kann man einfach darauf reagieren, ob der oben erwähnte Wind nun eiskalt ist oder warm.

Kann die Regelschule Kinder besser auf das Leben und eiskalten Wind vorbereiten als z.B. unsere alternative Schule?
Hat man denn eine breite Allgemeinbildung, wenn man die Schule verlässt? Kann man Englisch, Deutsch, Mathe, Physik und Chemie? Setzt man die Kommas richtig und beherrscht man die Groß- und Kleinschreibung? Ja, unter zwei Bedingungen: 1) man hat an dem Fach ein starkes Eigeninteresse, 2) der jeweilige Lehrer war so ein guter Pädagoge und Entertainer, dass er in der Lage war, einem auch die Inhalte beizubringen, für die man sich nie von selbst interessiert hätte.
Ich z.B. bin in Naturwissenschaften schwach, dafür in Sprachen und Kunst gut. Ich habe von Mathe nur das behalten, was ich täglich brauche. Der Rest ist weg. Und zwar sofort nach der Klausur. Physik und Chemie – ich kann nichts mehr. Weil ich Englisch, Deutsch und Kunst sehr mochte, war ich darin immer gut und habe mich auch nach der Schulzeit weitergebildet. Ich kenne aber Menschen, die fast kein Englisch können, obwohl sie es ebenfalls neun Jahre in der Schule hatten. Regelschule ist also keine Garantie dafür, dass man hinterher eine breite Allgemeinbildung hat.

Lernen funktioniert nur mit Begeisterung. (Lesen Sie auch den gleichnamigen Artikel (und sehen den eingeblendeten Vortrag von Gerald Hüther) http://www.woerterfall.de/blog/2012/02/18/lernen-funktioniert-nur-mit-begeisterung/).

Weil ich so sehr an Druck gewöhnt war, kam ich im Germanistikstudium nicht damit zurecht, dass niemand Druck ausübte. Ich konnte schwänzen, so viel ich wollte und tat das auch. Ich ging zwar arbeiten, aber ich ging fast nie zu Vorlesungen. Und als ich einige Semester vertrödelt hatte, weil ich mit der neuen Freiheit nicht umgehen konnte, schrieb ich mich für Jura ein, weil da endlich wieder mehr Druck herrschte. Und Jura war wie Mathe, nur nicht ganz so schwer, und ich hatte wenigstens eine Zukunftsperspektive.
Ein Regelschule bringt Kindern nicht unbedingt Mathe und Physik bei, aber sie lehrt sie etwas anderes:
Dass es Menschen gibt, die besser oder schlechter sind als man selbst, und dass man weniger wert ist, wenn man zu den schlechteren gehört.
Dass es im Leben nur auf Leistung ankommt und nicht auf Spaß.
Dass es Menschen gibt, die behaupten, besser als du zu wissen, wie du seist, und die dir das auch dann mitteilen, wenn du es nicht hören willst.
Dass Lehrer und Schulleiter immer Recht haben, dass du ihnen und ihren Benotungen hilflos ausgeliefert bist, und dass sie dich bewerten, vergleichen und bestrafen können, wie sie wollen.
Dass Lehrer und Schulleiter sich durchaus leisten können, keinerlei pädagogischen Fähigkeiten zu haben, weil du derjenige bist, der die schlechte Note bekommt, wenn sie ihren Job nicht richtig beherrschen.
Dass du dich ständig mit Themen beschäftigen musst, die dich nicht interessieren, und die du in manchen Fällen nur bis zur nächsten Klausur brauchst und dann nie mehr.

Jemanden mit Benotung, Bestrafung und Vergleich auf das wirkliche Leben vorzubereiten, ist so, als ob man ein halbes Jahr im Kühlhaus schläft, weil man irgendwann eine Reise in die Antarktis machen will. Die Vorschriften und Lehrpläne in Regelschulen bereiten einen schon deshalb nicht aufs richtige Leben vor, weil das Setting ganz anders ist: in der Schule soll man einen Stoff lernen, damit man selbst ihn idealerweise beherrscht, und – ganz naiv betrachtet – kann man an der späteren Note erkennen, wie gut man ihn beherrscht. Im Berufsleben soll man eine bestimmte Tätigkeit für einen Arbeitgeber tun, ist Teil eines Teams, soll gegebenenfalls Verantwortung übernehmen. Das Team hat einen Nachteil, wenn man seine Arbeit schlecht macht. Dies ist eine völlig andere Situation als in der Schule, denn wenn man eine Arbeit für ein Team erledigen soll, hat diese Tätigkeit einen sofort sichtbaren Nutzen – und dies wirkt sich auf die Motivation aus. Daher kann man Schule niemals mit der Berufswelt vergleichen. Und daher bereitet die Regelschule einen nicht optimal aufs Leben vor.